ImPulsTanz: Needcompany hinterfragt Identität im Lauf der Geschichte
Wien (APA) - „Wir sind alle Flüchtlinge oder Kannibalen. Fressen oder gefressen werden. Die Geschichte lehrt uns das“, heißt es einmal in Ja...
Wien (APA) - „Wir sind alle Flüchtlinge oder Kannibalen. Fressen oder gefressen werden. Die Geschichte lehrt uns das“, heißt es einmal in Jan Lauwers (Tanz)stück „The blind poet“, das Samstagabend im Rahmen von ImPulsTanz im Volkstheater seine österreichische Erstaufführung feierte. Mit seiner Needcompany seziert der Belgier zweieinhalb Stunden lang Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Fremdsein.
Während sich die bunt zusammengewürfelte Truppe rund um Lauwers und Grace Ellen Barkey zuletzt im Jahr 2012 in „Marketplace 76“ im Burgtheater der kollektiven Identität einer Gruppe gewidmet hat, steht nun das Individuum im Zentrum. „Ich bin Grace. Grace Ellen Barkey“, flüstert die aus Indonesien stammende Tänzerin, auf deren Gesicht ein riesiger Clownmund prangt. Auf dem Kopf trägt sie eine Art Krone, aus der Grashalme wachsen. Minutenlang schleudert sie lediglich ihren Namen ins Publikum. Mal schüchtern, mal verzückt, dann wieder wütend oder enttäuscht. Angefeuert wird sie von ihren Mitspielern, die in bunten Schlafröcken im Orchestergraben stehen. „Grace Ellen Barkey, Grace Ellen Barkey“, skandieren sie in diesen ersten Minuten von „The blind poet“, die an eine Szene aus dem Film „Fight Club“ erinnern, in der eine Gruppe von Männern, die ihre Namen abgelegt haben, einem toten Freund huldigen, indem sie seinen Namen wie einen Kampfruf in Endlosschleife wiederholen.
Alle Darsteller bekommen in den folgenden 150 Minuten ihre 15 Minuten im Rampenlicht. Barkey erzählt von ihrer Herkunft, ihre Flucht nach Europa, führt das Publikum ihren Stammbaum entlang und stellt fest, dass sie sowohl Chinesin als auch Indonesierin als auch Belgierin und sogar Deutsche ist. „Ich bin ein multikulturelles Wunder“, heißt es abschließend. Doch da wird sie von ihrem aus Tunesien stammenden Kollegen Mohamed Toukabri unterbrochen, der mit einem breiten Grinsen entgegensetzt: „Grace, du magst ein multikulturelles Wunder sein, aber ich bin die purste Monokultur (...) Fühl mal: perfekte monokulturelle muslimische Haut, ein perfekter monokultureller muslimischer Körper.“ Bis Mohamed seine Geschichte jedoch erzählen kann, sind die anderen an der Reihe. Maarten Seghers, der auch für die musikalische Umsetzung des Abends verantwortlich zeichnet, ist Nachkomme von 40 Generationen von Schmieden. Seghers‘ Geschichte reicht zurück bis zum Ersten Kreuzzug (1096-1099), wie er sagt und die vermeintliche Überlegenheit seines Geschlechts auseinandernimmt.
Überlegen fühlt sich auch der Norweger Hans Petter Melö Dahl, der doch nichts anderes sein kann als ein Wikinger, der jedoch versagt, als es einmal darum geht, einen Ertrinkenden aus dem Meer zu retten. Anna Sophia Bonnema wiederum stammt aus Friesland und „verträgt mehr Alkohol als die Wikinger“. Wenn sie lange genug in der Familiengeschichte gräbt, hat jedoch auch sie Verbindungen nach China. „Vielleicht hat dein Urgroßvater damals meinen Urgroßvater umgebracht“, sinniert Barkey. Überhaupt die Verbindung von allen mit allen, von allem mit allem: Das ist die Botschaft dieses Abends. Jeder atmet dieselbe Luft, eines jeden Haut wird von derselben Sonne gewärmt.
Getanzt wird im Laufe des Abends auch immer wieder, sogar mit einem lebensgroßen Maultier, das auf einem langen Kran platziert ist und von den Akteuren mit ihrer Körperkraft zum Leben erweckt wird. Auch wenn meist nur einer auf der Bühne steht: Die Needcompany ist eine eingeschworene Gruppe. Die anderen betätigen sich im Orchestergraben als Musiker, Souffleure oder Requisiteure. Immer wieder tauchen Zitate der Dichter Abu al‘ala al Ma‘arri oder Wallada bint al Mustakfi (beide um 1000 n. Chr.) auf, die Lauwers daran erinnern, dass die Weltordnung vor 1000 Jahre eine gänzlich andere war. Als Paris bei weitem nicht die Metropole von heute war, während in Cordoba unter dem Kalifat eine halbe Million Menschen lebte. Was Lauwers zur zentralen Frage bringt: „Wie sehr ist die Geschichte, die wir kennen, von Lügen, zufälligen Begegnungen und Vorfällen am Wegesrand beeinflusst?“ Schlussendlich fügen sich auch Familiengeschichten in die Geschichte ein, geben ihr aber konkrete Gesichter. Viel Applaus für einen Abend zwischen Tanz und Theater, Konzert und Installation. Das ImPulsTanz-Festival endet am heutigen Sonntag mit der Vergabe des Prix Jardin d‘Europe für junge Choreografie.
(S E R V I C E - ImPulsTanz: Jan Lauwers & Needcompany: „The blind poet“, www.impulstanz.com)