Unruhen in Kaschmir: Gefangen im Paradies
Srinagar (APA/dpa) - Kaschmir ist eine paradiesische Bergregion. Und Standort der größten Militärpräsenz der Welt. Seit mehr als einem Monat...
Srinagar (APA/dpa) - Kaschmir ist eine paradiesische Bergregion. Und Standort der größten Militärpräsenz der Welt. Seit mehr als einem Monat herrscht dort Ausnahmezustand. Am Montag könnte die Situation weiter eskalieren.
Die Vorbereitungen in der Hauptstadt Neu Delhi für Indiens 70. Unabhängigkeitstag am Montag sind in vollem Gange. Bereits seit Tagen sind große Teile des zentralen Boulevards Rajpath und das berühmte Red Fort gesperrt. Überall in der Stadt verkaufen die Händler Flugdrachen, die die Inder am Montag zu Tausenden steigen lassen werden. An roten Ampeln laufen Verkäufer zwischen den wartenden Autos hindurch und bieten riesige Indien-Flaggen feil.
Doch nur eine gute Flugstunde entfernt im Norden Indiens sorgt der gleiche Feiertag für große Sorgen. Im Himalaya-Gebirge, rund 1.700 Meter über dem Meeresspiegel, liegt das Kaschmirtal. Seit mehr als einem Monat wirkt die idyllisch gelegene Bergregion wie ausgestorben. Selbst in der Sommerhauptstadt Srinagar bleiben Geschäfte, Schulen und Universitäten geschlossen. Private Mobilfunkanbieter müssen seit Tagen regelmäßig ihre Netze abstellen. Dafür stehen an fast jeder Straßenecke Soldaten mit automatischen Waffen. Es herrscht Ausgangssperre in weiten Teilen des Bundesstaats.
Besonders fürchten die Behörden den Montag. Separatisten haben dazu aufgerufen, den indischen Unabhängigkeitstag zu einem „schwarzen Tag“ zu erklären. Stattdessen sollte der Sonntag gefeiert werden, der Unabhängigkeitstag des ewigen indischen Rivalen Pakistan. Das ist nicht nur eine Provokation. Die Sicherheitskräfte befürchten, dass die seit mehr als einem Monat herrschende Gewalt erneut eskaliert.
Auslöser für die angespannte Situation ist der Tod eines erst 22 Jahre jungen Rebellenführers. Am 8. Juli töteten indische Soldaten Burhan Wani, der trotz seines jungen Alters bereits einer der Anführer der islamistischen Hizbul Mujahideen (Partei der Heiligen Krieger) war. Die Organisation wird unter anderem von der EU als Terrororganisation eingestuft.
Sein Tod löste weitreichende Proteste aus. Überall im indischen Teil Kaschmirs gingen Demonstranten auf die Straßen. Viele von ihnen trugen Flaggen des Nachbarlands Pakistan und riefen propakistanische Parolen. Sie verbrannten Reifen und warfen Steine auf Polizeiposten. Die Behörden reagierten hart, schossen mit Schrotflinten auf die Protestler und verhängten eine Ausgangssperre. Mehr als 50 Menschen sind bis heute bei den Zusammenstößen ums Leben gekommen.
Die Zusammenstöße sind brutal, aber für Kaschmir nicht ungewohnt. Die Region ist bereits seit fast 70 Jahren zerrissen. Als die Briten im Jahr 1947 das besetzte Indien verließen und unter anderem in das heutige Pakistan und Indien aufteilten, zögerte der damalige Maharadscha von Kaschmir die Entscheidung hinaus, zu welchem Land seine Region gehören sollte. Diese Verzögerungstaktik führte letztendlich zur Teilung Kaschmirs zwischen Indien und Pakistan.
Doch bis heute beansprucht jede der beiden Atommächte den Teil Kaschmirs, den sie nicht kontrolliert. Kaschmir war der Auslöser von zwei der drei Kriege zwischen den beiden Ländern. Bis heute trennt die beiden Länder in Kaschmir keine Grenze, sondern eine „Kontrolllinie“, an der es immer wieder zu Streitigkeiten zwischen den Soldaten kommt - oft mit Todesopfern.
Im indischen Teil Kaschmirs gibt es zudem immer wieder Unruhen. Die Separatismusbewegung entspringt aus dem Gedanken, dass das mehrheitlich muslimische Kaschmir naturgemäß eher zum muslimisch geprägten Pakistan als zum hauptsächlich hinduistischen Indien gehört - oder eben ganz unabhängig sein sollte. Nicht zuletzt deshalb sind im Bundesstaat Jammu und Kaschmir so viele Soldaten stationiert, wie sonst wahrscheinlich nirgendwo auf der Welt. Laut verschiedener Schätzungen könnten es mehr als eine halbe Million sein.
Auf der pakistanischen Seite war es in den vergangenen Jahren etwas ruhiger. Der Kampf sei nicht wirklich eine heimische Bewegung, sagen Kaschmiris. Das Säbelrasseln und die Extremisten, das komme alles aus der Hauptstadt oder dem Hauptquartier des Militärs.
Der Kampf auf der indischen Seite wird zwar mit Genugtuung gesehen. Aber es herrscht auch eine gewisse Kaschmir-Müdigkeit. Zynisches Gelächter ist die Reaktion auf Fragen nach einer Lösung für das Tal. Dafür müssten Indien und Pakistan sich erst einmal vertragen.
Als im Winter mit Narendra Modi zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren ein indischer Staatschef nach Pakistan kam, zählten pakistanische Journalisten die Sekunden bis zu Landung seines Flugzeugs. Die Hoffnung auf einen Durchbruch war riesig. Ergebnis und Anti-Klimax: Nur Tage später gelangten pakistanische Extremisten auf eine indische Luftwaffenbasis im Punjab. Sieben Inder töteten sie. Und die Hoffnung auf Versöhnung.
Kommentare