Olympia: Postkartenidylle täuscht - Rio in erster Woche überfordert
Rio de Janeiro (APA/dpa) - Auch die Postkartenidylle Rio de Janeiros kann nichts beschönigen: Die ersten Spiele in Südamerika wurden in der ...
Rio de Janeiro (APA/dpa) - Auch die Postkartenidylle Rio de Janeiros kann nichts beschönigen: Die ersten Spiele in Südamerika wurden in der ersten Woche beeinträchtigt durch Pannen, Pech und Beschwerden. „Das sind bisher die schwierigsten Spiele, die wir jemals erlebt haben“, sagte IOC-Vizepräsident John Coates.
STIMMUNG: Statt der erhofften Million werden nur 300.000 bis 500.000 Touristen erwartet. So sind es vor allem die Brasilianer und andere Südamerikaner, die Stimmung machen. Beim Basketballmatch gegen Argentinien brodelte die Carioca-Arena. Aber es gibt auch viel Kritik, an unfairem Ausbuhen, Schlachtgesängen wie beim Fußball. Brasilien bejubelt das Judo-Gold von Rafaela Silva als magischen Moment. Sie wuchs in der aus dem Film „City of God“ bekannten Favela auf. Beim Schwimmen waren die Goldrennen des 23-fachen Olympiasiegers Michael Phelps Höhepunkte. Olympia pur bietet die Beach-Volleyballarena am Strand der Copacabana.
LEERE STADIEN: Offiziell wurden 84 Prozent der Tickets verkauft, aber Zehntausende Plätze blieben wegen langer Warteschlangen und Transportproblemen unbesetzt. Viele Touristen blieben zu Hause - und entsprechend Zehntausende Sponsorentickets ungenutzt. Und: Es werden in der Regel Tagestickets verkauft. Das kann zu folgender Situation führen: Beim Tennis-Halbfinale zwischen Rafael Nadal und Juan Martin del Potro war die Tennis-Arena randvoll, danach beim Endspiel der Damen zwischen Angelique Kerber und Monica Puig war es sehr leer.
WEITE WEGE: Wer als Zuschauer vom Beach-Volleyball an der Copacabana zum Basketball oder Schwimmen im Olympiapark in Barra will, geht 20 Minuten zur Metro, fährt 10 Minuten bis zu einer Station, wo er in eine andere Metro einsteigt, dann knapp 20 Minuten bis Barra. Dann noch einmal rund 30 Minuten mit dem Bus zum Olympiapark. Die vier Zentren der Spiele liegen weit auseinander, der Transport ist für viele ein Alptraum, die Beschilderung oft schlecht. Zehntausende Freiwillige bemühen sich redlich, aber kaum einer spricht Englisch.
OLYMPIA-HOTSPOT: Wer wirklich Olympia-Stimmung erleben will, muss zum Kultur-Boulevard am Hafen, fernab der Sportstätten. Hier sind die Brasilianer in Scharen unterwegs. Sie sehen Olympia weniger als Sportevent, sondern als Karneval im Winter. Jeden Tag tummeln sich Zehntausende auf der Feier- und Kulturmeile, alte Segel- und Kreuzfahrtschiffe liegen vor Anker. Auch hier brennt das Olympische Feuer. Nirgendwo in Brasilien dürfte derzeit die Selfie-Dichte höher sein. Vor den TV-Leinwänden mit Olympia-Übertragungen ist es dagegen oft ziemlich leer. Gleiches Bild in den Favelas - es sei denn, Brasilianer sind mit von der Partie. Wer Rio erleben will, sollte in Samba-Bars statt ins Stadion gehen.
ATHLETENÄRGER: Die Beschwerden über das Olympische Dorf sind groß, Sanitäranlagen und Putzservice klappen oft nicht. Viele Klagen gibt es über das Essen, weshalb eine US-Fast-Food-Kette sich vor Andrang kaum noch retten kann. Es ist der Versuch, mit viel weniger Geld als in London und Peking Spiele zu organisieren. Letztlich muss man sich entscheiden, was man will: Alles immer größer, kaum noch zu organisieren und finanzieren, oder Spiele mit weniger Komfort.
SICHERHEIT: Polizisten an jeder Ecke und Soldaten, die auf fahrenden, offenen Autos stehend mit dem Maschinengewehr in der Hand die Umgebung abchecken, gehören zum gewohnten Bild. Vor allem in Deodoro und rund um das Olympiastadion ist die Dichte an Sicherheitspersonal hoch. Erzählungen von Überfällen auch auf Medienvertreter häufen sich, gestohlen wird nicht nur auf Pressetribünen, sondern auch im Olympischen Dorf. Insgesamt verlief bisher alles glimpflich. Im Olympia-Reitzentrum wurden Patronenhülsen gefunden und ein Journalisten-Bus mit Steinen angegriffen. Die Insassen sind sich allerdings sicher, dass es sich um Schüsse gehandelt hat. Aber es gab bisher keine größere Terror-Gefahr, 85.000 Sicherheitskräfte tun ihr Bestes.
GRÜNES WASSER: Die als Kloake verschrieene Guanabara-Bucht wurde wie durch ein kleines Wunder so weit gesäubert, dass die Segler ohne größere Gesundheitsrisiken antreten können. Dafür war plötzlich das Wasser im Maria Lenk Aquatics Centre bei den Wasserspringen grün, das der Wasserballer daneben weiter blau. Wenig später wurde es ebenfalls grün. Für die Wasseraufbereitung verwendete Chemikalien waren aus den Wassertanks ausgelaufen. Das war zwar nicht gesundheitsgefährdend, aber symptomatisch für Rios Pechsträhne. Das Bild ging um die Welt.
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