Friedensnobelpreis

Die Engel von Lesbos: Arme und Herzen weit geöffnet

Flüchtlinge bei ihrer Ankunft auf der Insel Lesbos. Das schlechte Wetter macht die Lage für kleine Boote in der Ägäis derzeit noch gefährlicher.
© APA/AFP/ARIS MESSINIS

Die Bewohner der griechischen Ägäisinseln sind für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Die Art und Weise, wie die Menschen von Lesbos die Flüchtlingskrise meistern, liefert genug Argumente für die Nominierung.

Von Kristin Vavtar

Mytilini/Lesbos –Was Sapph­o, die größte Dichterin der Antike, in 2500 Jahren nicht geschafft hat, das schafft die Flüchtlingskrise in knapp zwei Jahren: Die griechische Insel Lesbos ist in aller Mund­e. Und jetzt sind die Menschen von Lesbos sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Mehr als 600.000 Unterzeichner hat ein­e entsprechende Petition bereits gefunden. Weshalb? Um Antworten auf diese Frag­e zu finden, lohnt sich ein Besuch bei Iannis Troumpounis und seiner Frau Daphne Vloumidi in ihrem Hotel Votsala, rund eine halbe Autostunde von Mytilini entfernt.

Mytilini, das ist der Geburtsort der Dichterin Sappho und die Hauptstadt der drittgrößten Insel Griechenlands. Rund 86.000 Einwohner zählt die Insel, 38.000 Menschen leben in Mytilin­i, das auch Hauptstandort der Universität der Ägäis ist. Landwirtschaft und Tourismus sind die wichtigsten Einnahmequellen der Inse­l.

Iannis Troumpounis und Daphne Vloumidi betreiben ihr Familienhotel Votsala seit 1994. „Votsala“ heißt Kieselstein – und dieser Kiesel ist bekannt bei Lesbos-Reisenden. In diesem Hotel gibt es eine ganze Menge nicht („no air conditioning, no TV, no swimming pool, no jet ski, no Greek nights“), dafür stehen aufrichtige Gastfreundschaft, ein prachtvoller Garten direkt am Strand, unverfälschte griechische Küche – und das große menschliche Engagement der Hoteliersfamilie im Angebot.

Auf der Terrasse des Hotel Votsala: Touristenkinder und Flüchtlingskinder lernen einander kennen. "Die Eltern dürfen zuhören, aber nicht mitreden", erläutert Troumpounis das Prinzip. Danach wird Fußball gespielt.
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Bereits im Jahr 2012 hat Daphne Vloumidi eine Hilfsorganisation für junge Flüchtlinge auf der Insel auf die Bein­e gestellt. „Wir können den Weg dieser Menschen in die Zukunft nicht steuer­n oder beeinflussen“, beschreibt die Hotelierin. „Doch wir sehen, dass sich auch im Kleinen Möglichkeiten ergeben, ihnen zu helfen. Was für unsere Kinder hier in Europa normal ist – das ist für diese Menschen sehr besonders, zum Beispiel Aufmerksamkeit, Zuspruch, Hilfe bei der Bewältigung ihrer täglichen Situation. Diese Menschen dürfen nicht an den Klippen Europas zerschellen.“

Das große Herz und die zupackende Art der Gastwirtin sind typisch für viele Menschen auf Lesbos. „Fischer, Hausfrauen, Rentner, Lehrer – allesamt ganz normale Bewohner der griechischen Inseln – haben ihre Arme und Herzen geöffnet und Flüchtlinge gerettet“, heißt es im Schreiben an das Nobelpreiskomitee, das im Oktober bekannt gibt, ob die Bewohner der Inseln Lesbos, Kos und Chios den diesjährigen Friedensnobelpreis erhalten.

Viele Gäste des Hotels Votsala haben in der Vergangenheit Daphne Vloumidis’ Hilfsorganisation „Odysseas“ unterstützt. Doch in diesem Sommer blieben die meisten Gäste aus. Laut der lokalen Hoteliersvereinigung betragen die Rückgänge auf der gesamten Insel 90 Prozent, einen Rückgang bei den Buchungen von 40 Prozent beklagt auch Iannis Troumpounis. Er hat über die Jahre eine treue Schar von „Votsalianern“ um sich versammelt – doch selbst für eingefleischte Lesbos-Fans stellten sich in diesem Sommer viele Fragen. Kann man an Stränden Urlaub machen, an denen noch im Frühjahr Tausende Flüchtlinge angekommen, viele auch gestorben sind? Ist das respektlos gegenüber den Flüchtlingen? Verdirbt es einem die Erholung? Oder ist es ein Zeichen der Solidarität mit den Einwohnern von Lesbo­s, wenn man gerade jetzt dort Urlaub macht?

Gastgeber mit Leib und Seele: Daphne Vloumidi und Iannis Troumpounis.
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Jeder tourismusgeprägte Tiroler kann sich vorstellen, was eine „verlorene Saison“ bedeutet. Unvorstellbar, welch­e Panik hierzulande ausbrechen würde, wenn einen oder zwei Winter lang nur noch zehn Prozent der bisherigen Gäste kämen. Die Bewohner von Lesbos hat dieses Schicksal heuer getroffen. Trotzdem bleiben sie erstaunlich gefasst.

Auch Iannis Troumpounis bewahrt Gelassenheit: „Fremd­e auf Lesbos – das heißt für uns nicht nur Touristen, sondern auch Menschen auf der Flucht.“ Aus dieser Haltung spricht vielleicht die sprichwörtliche Xenophilie der Griechen. „Xenos“ ist im Griechischen ein Unbekannter, der durch Gastfreundschaft zum Freund wird. Sieht man sich derzeit in Europa um, so hat es den Anschein, als würde es dieser uralte Wert wohl nicht in den oft bemühten „abendländischen Wertekanon“ schaffen.

Wie die meisten Griechen, sind auch die Bewohner von Lesbos krisenerfahren. Seit 2010 hatte die Finanzkrise das Land fest im Griff – und dann kam der Sommer 2015: Zuerst die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen am Beginn der Tourismussaison, und parallel dazu stieg die Anzahl von Flüchtlingen in ungekannte Höhen. Allein im Juli des letzten Jahres verzeichnete das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) 55.000 Ankünfte.

Iannis Troumpounis erinnert sich: „Die Bedingungen waren furchtbar und chaotisch. Die Flüchtlinge sind völlig desorientiert und erschöpft über die Insel gezogen. Wir haben dann, gemeinsam mit anderen Freiwilligen, zunächst einmal Busse organisiert, mit denen wir die Menschen einigermaßen geordnet in die Aufnahmecamps in der Nähe von Mytilini bringen konnten.“ Für diesen humanitären Einsatz musste sich Daphne Vloumid­i im Juli 2015 sogar vor Gericht verantworten. Die damals entstandene Initiative von einheimischen Freiwilligen ist weiterhin auf Lesbos tätig. Sie heißt „Village of all together“ und betreut Familien, Menschen mit Behinderungen und Flüchtlinge, die nicht weiterreisen.

„Im heurigen Sommer lief auf Lesbos wieder alles in einigermaßen geordneten Bahnen“, bilanziert Troumpounis. „Doch die Lebens­bedingungen in den offiziellen Flüchtlingscamps sind nach wie vor armselig. Als kleines Zeichen der Solidarität laden wir wöchentlich 20 junge Flüchtlinge zu uns ins Hotel ein, um einen Tag am Strand zu genießen und einmal ordentlich zu essen.“

Und so kommt es, dass im Hotel Votsala in diesem Sommer Urlauber und Menschen auf der Flucht Tisch an Tisch beim Mittagessen sitzen. „In zahlreichen Begegnungen zwischen Touristen und Flüchtlingen haben wir gezeigt, dass sich unsere Gäste als verantwortungsvolle Bürger Europas verstehen, die versuchen, lokale Freiwillige zu unterstützen, anstatt sich angewidert abzuwenden“, freut sich Troumpounis.

Für die 86.000 Bewohner von Lesbos ist es überlebensnotwendig, dass sich der Tourismus wieder erholt. Entsprechend ungehalten reagiert der Bürgermeister der Insel auf die Vorschläge von Außenminister Sebastian Kurz. Der will auf Inseln wie Lesbos nach australischem Muster dauerhafte „Asylzentren“ einrichten. In einem Interview mit der Tageszeitung Die Presse nannte Bürgermeister Spyros Galinos diese Vorschläge inakzeptabel und beleidigend: „Sie machen Lesbos und Griechenland insgesamt zu einer Lagerhall­e von Seelen. Wir werden es nicht zulassen, dass Lesbos ein zweites Alcatraz wird.“

Iannis Troumpounis schlägt Sebastian Kurz vor, er soll­e doch einfach Urlaub auf Lesbos machen. Er würd­e staune­n über die Schönheit der Insel und ihre jahrtausende­alten Kulturschätze, er würd­e mitfühlende und tapfere Menschen kennen lernen, die es nicht verdient haben, dass man in ihrer Heimat die ungelöste Aufgaben Europas ablädt. Im Hotel Votsala startet die Saison traditionell mit der Feier des griechisch-orthodoxen Osterfests. Ein schöne­r Anlass, um aus Fremden Freunde werden zu lassen.