Altersweisheit kann auch nerven - Zwei neue Bücher von Nooteboom

Berlin (APA/dpa) - In den Niederlanden erscheinen Bücher von Cees Nooteboom schon mal mit der Aufschrift „In Deutschland schon 100.000 mal v...

Berlin (APA/dpa) - In den Niederlanden erscheinen Bücher von Cees Nooteboom schon mal mit der Aufschrift „In Deutschland schon 100.000 mal verkauft“. Früher stand darunter manchmal noch ein Zitat von Marcel Reich-Ranicki: „Dass die Holländer so einen Schriftsteller haben!“ Das wundert sie selbst. In den Niederlanden hat der Nooteboom-Boom so nie stattgefunden.

In Deutschland dagegen wurde er mitunter sogar für den Nobelpreis gehandelt. Mittlerweile ist er 83, aber noch immer höchst produktiv. Gerade sind wieder zwei Bücher von ihm erschienen: „Tumbas - Gräber von Dichtern und Denkern“ bei Schirmer/Mosel und „533 Tage - Berichte von der Insel“ bei Suhrkamp. Beide Bücher sind nur etwas für echte Nooteboom-Fans.

Der erste Band beruht auf einer sehr reizvollen Idee: Nooteboom besucht die Gräber bekannter Schriftsteller, und seine Frau, die Fotografin Simone Sassen, hält diese Gräber im Bild fest. Nooteboom ist dafür besonders geeignet, weil er einerseits ungeheuer belesen ist und andererseits die ganze Welt bereist hat. Er hat sich in der Südsee sogar durch den tropischen Regenwald bis zur letzten Ruhestätte des „Schatzinsel“-Autors Robert Louis Stevenson vorgekämpft. Der liegt dort ganz allein auf einem heiligen Berg in der Wildnis. „Wenn ich gegangen war, würde wieder die gleiche Stille herrschen wie in der ersten Nacht seines Todes.“

Nooteboom fasst manches Gefühl in Worte, das man von eigenen Friedhofsbesuchen her kennt. Da ist zum Beispiel der Eindruck, dass man den Toten besucht und dieser irgendwie bemerkt, dass man sich die Mühe gemacht hat zu kommen. Ein Grab täuscht Anwesenheit vor. In seinen besten Momenten stellt Nooteboom Verknüpfungen her und Überlegungen an, die den Leser noch lange beschäftigen können. Leider hat der vielfach ausgezeichnete Autor im Laufe der Zeit auch eine gewisse Weitschweifigkeit entwickelt, so dass die Abstände zwischen solchen Passagen zusehends länger werden.

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Ähnlich verhält es sich mit dem zweiten Buch, das sich um Nootebooms Sommerwohnsitz, die spanische Insel Menorca, dreht. Auch dieser Band enthält einige sehr schöne Stellen, die man dauerhaft in Erinnerung behält. Zum Beispiel wenn er sich darüber Gedanken gemacht, wie ihn wohl die frei lebenden Schildkröten in seinem Garten sehen. Oder wenn ihm beim Geschrei der Möwen ganz plötzlich eine Szene aus dem „Hungerwinter“ 1944/45 in den Sinn kommt, als die „Festung Holland“ von der Nahrungsmittelversorgung abgeschnitten war und sein Vater versuchte, auf dem Dach ihres Hauses in Den Haag Möwen zu fangen.

Würde er doch nur mehr von sich selbst erzählen und weniger über James Joyce, Canetti und Voltaire. In den Tiefen des Internets findet sich eine niederländische Radioreportage von 1985, für die der Autor Boudewijn Büch seinen schon damals bekannten Kollegen in dessen Haus auf Menorca besuchte. Nooteboom ist darin ganz funkelnder Erzähler und hat noch nicht den Habitus des großen, altersweisen Schriftstellers angenommen. Man genießt diese Sendung von der ersten bis zur letzten Minute.

(S E R V I C E - Cees Nooteboom: „Tumbas, Gräber von Dichtern und Denkern“, mit Fotographien von Simone Sassen, aus dem Niederländischen von Andreas Ecke, Schirmer Mosel, 328 Seiten, 28,80 Euro; „533 Tage, Berichte von der Insel“, aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen, Suhrkamp, 255 Seiten, 22,70 Euro)


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