Energieanbieter: „Intransparenz erschwert Vergleichbarkeit“

Im TT-Gespräch: Der Energie-Experte der Arbeiterkammer (AK) Tirol, Peter Hilpold, über Schnäppchenfallen und den Wettlauf um den größten Neukunden-Rabatt.

Symbolfoto.
© Klaus Schneider

Von Hugo Müllner

Innsbruck – Immer wieder ist zu lesen, dass beim Wechsel des Strom- oder Gaslieferanten mehrere hundert Euro Ersparnis möglich sind. Was bei derartigen Meldungen nicht oder nur in einem Nebensatz zu lesen ist: Diese Ersparnis ergibt sich in den meisten Fällen nur unter Berücksichtigung von Neukundenrabatten. Deshalb können Angebote, die auf den ersten Blick als Schnäppchen scheinen, im zweiten Jahr deutlich teurer werden.

In den letzten zwei bis drei Jahren wird massiv kommuniziert, dass man viel Geld sparen kann, wenn man den Anbieter wechselt. Nun sagen Sie, das stimmt so nicht. Warum?

Peter Hilpold: Weil diese Vergleiche fast immer unter Berücksichtigung der Neukundenrabatte erfolgen. Was dabei unzureichend kommuniziert wird: Diese gelten nur für das erste Jahr. Das kann bedeuten, dass beispielsweise bei einem Stromprodukt aufgrund des Neukundenrabattes eine Ersparnis von 190 Euro möglich ist. Ab dem zweiten Jahr ist dasselbe Produkt aber um 148 Euro teurer als der Referenztarif.

Das dürfte von den Anbietern naturgemäß so nicht kommuniziert werden?

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Peter Hilpold: "Es hat sich ein Wettbewerb entwickelt, wer den größten Neukundenrabatt hat."
© AKTirol

Hilpold: Genau hier liegt das Problem. In der Standardeinstellung aller Tarifkalkulatoren, die wir uns angesehen haben, ist der Neukundenrabatt bereits voreingestellt. Man kann ihn zwar wegklicken, aber meist ist dieses Feld irgendwo ganz unauffällig ‚versteckt‘.Das machen sich manche Anbieter zu Nutze.

Sprechen wir hier von schwarzen Schafen, oder ist das durchgängig bei allen Anbietern so?

Hilpold: Wir haben festgestellt, dass die acht günstigsten Strom- und Gasanbieter im zweiten Jahr alle höhere Tarife haben als die Referenztarife und damit teilweise viel teurer sind. In diesem Kontext sprechen wir aber nicht von schwarzen Schafen, sondern es hat sich aus unserer Sicht ein Wettbewerb entwickelt, der die Intransparenz fördert und damit die Vergleichbarkeit für die Kunden erschwert. Das zielt schlussendlich darauf ab, dass potenzielle Kunden die wirklichen Kosten übersehen. Anders kann man sich das unserer Meinung nach nicht erklären.

Ist dies rechtlich überhaupt gedeckt?

Hilpold: Das ist rechtlich möglich, weil es ja eine Ersparnis gibt. Aber eben nur für das erste Jahr. Und das muss man wissen. Das Problem ist, dass man das nur durchschaut, wenn man sich die Angebote sehr wachsam und aufmerksam durchschaut. Der Endpreis wird ja dargestellt, allerdings eben nur für das erste Jahr. Es fehlt die gesetzliche Verankerung der Regelung, wie der Neukundenrabatt dargestellt werden muss. Bei Strom- und Gasanbietern hat der erwähnte Tarifkalkulator nur eine beratende Funktion, ist aber kein Vertragsbestandteil. Es gibt dann immer noch das Kleingedruckte, das man bei Abschluss eines neuen Liefervertrages unterzeichnet. Da steht dann, man akzeptiert das Tarifblatt. Und auf diesem steht dann: So und so viel ist der Tarif, und so und so viel ist der Neukundenrabatt.

Was erzählen Konsumenten, die sich bei der AK gemeldet haben, über die Beratungsgespräche?

Hilpold: Klienten haben uns geschildert, dass bei Beratungsgesprächen von einer generellen Ersparnis die Rede war...

... also die Information, dass die Ersparnis nur für das erste Jahr gilt, rundweg verschwiegen?

Hilpold: Genau. Und nachdem ja zwei Jahre vergehen, bis ich dann die höhere Abrechnung bekomme, stehe ich als Konsument dann vor der Frage, wie ich nach zwei Jahren belegen kann, dass ich nicht ausreichend beraten wurde.

Wie viele Anbieter gibt es inzwischen auf dem Markt?

Hilpold: Grundsätzlich ist das bundesweit geregelt. Das heißt, alle Energielieferanten in Österreich können auch in Tirol anbieten. Wir haben im Strombereich derzeit über 40 Unternehmen, die bis zu 80 verschiedene Produkte anbieten.

Wie darf man bei Strom den Begriff Produkte verstehen?

Hilpold: Grundsätzlich gibt es die die gesetzliche Vorgabe, dass mich mein Energielieferant über eine Tariferhöhung informieren und dabei auf mein außerordentliches Kündigungsrecht zu informieren hat. Nun sagen Anbieter, lieber Kunde, das kann ja jederzeit passieren, aber wenn du einen ein klein wenig höheren Tarif bezahlst, bekommst dafür du eine Preisgarantie für zwei Jahre. Das ist dann ein anderes Produkt. Aufpassen sollten Konsumenten in diesem Kontext auf die so genannten Float-Tarife. Das bedeutet, der Ausgangs­tarif wird mit dem internationalen Strom-Börsenpreis wertgesichert. Und dieser kann sich monatlich bzw. quartalsmäßig ändern. Damit kann sich auch mein Strompreis monatlich ändern, aber ohne außerordentliches Kündigungsrecht. Dessen muss sich der Kunde in Klaren sein.

Müssen die Anbieter mir beim Angebot die Gesamtkosten ausweisen oder nur die reinen Energietarife?

Hilpold: Es wird immer nur der Energiepreis kommuniziert, also der Preis ohne Netzgebühren und Steuern. Das ist entscheidend, um zu wissen, womit ich ein Angebot vergleichen muss. Denn wir haben die Trennung zwischen Energie und Netz: Bei der ersten Anmeldung, oder wenn ich umziehe, unterschreibe ich immer zwei Verträge, einen Liefervertrag für die Energie und einen Netzzutrittsvertrag. Wenn ich jetzt den Anbieter wechsle, kündige ich nur den Liefervertrag für die Energie. Die reinen Energiekosten machen aber weniger als die Hälfte der Gesamtkosten aus. Sprich Netz und Abgaben wie Ökostrompauschale und Ökostromförderbeitrag machen mehr aus als die Kosten für die Energie, die ich beziehe. Es kommt auf die Lieferanten darauf an, ob sie die Netzgebühren und Abgaben einheben. Wenn nicht, dann muss ich monatlich zwei Teilbeträge zahlen: Einen an den Energielieferanten, und einen an den Netzbetreiber.

Was raten Sie nun den Konsumenten?

Mehr zum Thema:

http://bit.ly/2dgIrZN

Hilpold: Das Wichtigste ist, sich vorab genauestens zu informieren, nicht nur über den Preis, sondern über den Anbieter generell. Vereinzelt müssen wir feststellen, dass man bei der Internetrecherche auf Artikel stößt über Beschwerden oder rechtliche Probleme in Deutschland. Auch wenn dieses Unternehmen bei uns noch nicht auffällig geworden ist, halten viele Kunden diese Information für aufschlussreich.


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