„Don Carlos“ in Salzburg: Vergebliches Anrennen gegen Autoritäten

Salzburg (APA) - Kann eine jüngere Generation mit Friedrich Schillers Dichtung, seiner hohen Kunstsprache, heute noch etwas anfangen, zumal ...

Salzburg (APA) - Kann eine jüngere Generation mit Friedrich Schillers Dichtung, seiner hohen Kunstsprache, heute noch etwas anfangen, zumal die Schule da und dort die Vermittlung bereits aufgegeben hat? Dass es möglich ist, ein Publikum von heute anzusprechen, bewies die Premiere „Don Carlos - Infant von Spanien“ in der Inszenierung von Alexandra Liedtke im Salzburger Landestheater Samstagabend.

Der ganze „Carlos“ ist es freilich nicht. Mag sein, dass er die Geduld des Publikums überstrapazieren würde. Aber was die geschickte Bearbeitung - vor allem Kürzung - übrig gelassen hat, reicht, um den Stoff zusammenzuhalten und den Sprengstoff, den er enthält, spürbar zu machen. Die Regisseurin arbeitete die Brisanz deutlich heraus, die in dem von Schiller in einer kraftvoll formulierten Sprache geschilderten Konflikt zwischen Macht und Unterdrückung steckt.

Die Probleme von Carlos, dem Sohn des Königs, sind vor allem privater Natur. Er ist Elisabeth verfallen, mit ihr war schon alles abgemacht, als sie plötzlich, weil die Staatsräson es verlangte, die Frau seines Vaters wurde. Wie er darunter leidet, das drückt Gregor Schulz gleich zu Beginn in einer furiosen Raserei aus. Halb nackt trommelt er sich in einem Ährenfeld auf die Brust. Hinter ihm deutet Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt geschickt aus Tüll eine Palastarchitektur an. Er trägt im Übrigen mit seinen im Wesentlichen auf Schwarz und Weiß reduzierten Räumen und Kostümen viel zur Klarheit der Szenenfolge bei.

Carlos rebelliert gegen seinen Vater, steckt tief in seinen privaten Angelegenheiten, möchte aber nebenbei als politische Figur ernst genommen werden und bietet sich an, die flandrischen Provinzen zu befrieden. Gregor Schulz formt einen überschäumenden, blindwütigen, kraftvollen Charakter, der jedes Risiko eingeht. Zu ihm bildet Gregor Schleuning als Marquis Posa ein wirkungsvolles Gegengewicht. In der Forderung nach Freiheit sind sich er und sein Freund einig. Auch Posa spricht eine deutliche Sprache, darüber hinaus ist er aber ein analytischer Kopf und ein Diplomat.

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Die beiden jungen Männer laden die Inszenierung mit reichlich Energie auf. Dazu kommt Marcus Bluhm als Philipp II., der mit seiner Statur und sprachlichen Präsenz das Format eines Königs hat. Der erscheint kalt und souverän, fällt aber sofort auf die Knie, wenn er die Macht spürt, die größer ist als seine - gemeint ist jene der Kirche. Der Großinquisitor (Walter Sachers), in einer imposanten roten Robe steckend, hat ihn in der Hand.

Julienne Pfeil ist eine wunderbare, zwischen Gefühl und Verstand schwankende Königin. Wie eine emanzipierte Frau bietet sie in einem Streitgespräch ihrem Mann Paroli. Der verlangt von seiner Gattin absolute Treue, nimmt sich selbst aber, wie seine Nebenbei-Beziehung zu Prinzessin Eboli zeigt, jede Freiheit. Nikola Rudle zeigt in der Rolle der Eboli eine Palette fein abgestimmter Emotionen. Bravo! Die Inszenierung von Liedtke erscheint durchaus zeitgemäß, bleibt nicht etwa in bemühtem Historisieren stecken.

( S E R V I C E - „Don Carlos - Infant von Spanien“, ein dramatisches Gedicht von Friedrich Schiller, Inszenierung: Alexandra Liedtke, Bühnenbild: Raimund Orfeo Voigt, Kostüme: Johanna Lakner, Dramaturgie: Friederike Bernau. Mit Marcus Bluhm (Philipp II, König von Spanien), Julienne Pfeil (Elisabeth von Valois), Gregor Schulz (Don Carlos), Britta Bayer (Herzogin von Olivarez), Janina Raspe (Marquisin von Mondecar), Nikola Rudle (Prinzessin von Eboli), Gregor Schleuning (Marquis von Posa), Marco Dott (Herzog von Alba), Hanno Waldner (Graf von Lerma), Walter Sachers (Großinquisitor), Ella Wirthenstätter/Pina Wiesner (Infantin Clara Eugenia). Weitere Vorstellungen am 5., 6., 14., 16., 17., 19., 21., 25. Oktober, 3., 9., 30. November, 13., 20. Dezember. Landestheater Salzburg www.salzburger-landestheater.at)


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