Bühne

Theater für Fortgeschrittene

© Judith Buss

Kamel Daouds „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ an den Münchner Kammerspielen

Von Jörn Florian Fuchs

München –In Frankreich erregt der vor zwei Jahren erschienene Roman nach wie vor die Gemüter. Kamel Daoud ist eigentlich Journalist bei einer algerischen Zeitung, veröffentlichte aber auch schon Prosa. „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ rückte Daoud nun ins Rampenlicht des globalen Kulturbetriebs. Aufmerksamkeit und Renommee sind die positive Seite des Erfolgs, die Kehrseite ist eine von Fundamentalisten ausgesprochene Fatwa.

Tatsächlich gibt es im Roman einige religionskritische Passagen, in erster Linie behandelt Daoud jedoch auf feine, philosophische Weise Grundfragen der Existenz, er ist im Zweifel für den Zweifel und für ein undogmatisches sich Annähern an letzte Dinge. Hauptsächlich ist der „Fall Meursault“ eine Weiterschreibung von Albert Camus’ Klassiker „Der Fremde“ (das Buch wurde 1942 veröffentlicht und ist bis heute Schullektüre in Frankreich). An einem brüllend heißen Tag erschießt ein Franzose einen Araber, im Gefängnis wartet er auf seine Hinrichtung und denkt über Kontingenz und die Sinnlosigkeit der Existenz nach.

Kamel Daoud erfindet nun den Bruder des Opfers und gibt dem Getöteten endlich einen Namen: Musa. Daouds Roman ist ein Vexierspiel auf mehreren Ebenen, nicht ganz leicht zu verstehen, aber von großer Sprachkraft und Wirkung.

Der iranische Regisseur Amir Reza Koohestani zeigt nun an den Münchner Kammerspielen seine Auseinandersetzung mit dem Stoff als geschickt verschachteltes, multiperspektivisches Theater. Koohestani ist bekannt für seine eher ruhigen, poetischen Arbeiten (die er u. a. bei den Wiener Festwochen zeigte), auch diesmal wirkt alles zunächst eher besinnlich. Die Bühne ist mit Teppichen ausgelegt, in der Mitte schaut der Kopf eines älteren Mannes (Walter Hess) aus dem Boden. Es ist einer von drei Erzählern, von drei Figuren in unterschiedlichen Lebensaltern. Koohestani splittet die ohnehin schon komplexen Schichten des Romans noch weiter auf und vernetzt sie auf höchst intelligente Weise neu. Besonders eindringlich wird es beim zeitlupenhaften Töten eines Franzosen durch den erzählenden Araber – ein alttestamentarischer Racheausgleich sozusagen. Oft verknüpft Koohestani ernsthafte, nachdenkliche Monologe mit grotesk überzogenen Passagen, das multikulturelle Schauspielerensemble spricht neben (manchmal brüchigem) Deutsch auch Farsi und Arabisch.

Wenn man die Vorlage(n) nur grob im Kopf hat, verwirrt einen der Abend doch ein wenig. Wahrscheinlich ist es am besten, sich entweder überhaupt nicht vorzubereiten oder aber beide Romane penibel zu studieren. Hingehen sollte man auf jeden Fall!