Medizin-Nobelpreis - „Grundlegende Beiträge zu Abläufen in Zellen“

Wien (APA) - „Yoshinori Ohsumi weiß alles. Er kennt alle Geschichten. Er ist zentrale Figur dieses Forschungsgebietes“, sagte am Montag Fumi...

Wien (APA) - „Yoshinori Ohsumi weiß alles. Er kennt alle Geschichten. Er ist zentrale Figur dieses Forschungsgebietes“, sagte am Montag Fumiyo Ikeda vom Wiener Institut für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zu dem neuen Nobelpreis-Laureaten für Physiologie und Medizin gegenüber der APA. Seine gewonnenen Erkenntnisse seien „grundlegende Beiträge zu Abläufen in Zellen.“

„Das System der Autophagie ist fundamental für das Funktionieren der Zellen. Es geht darum, wie die Zelle Mist los wird“, schilderte die Wissenschafterin die Bedeutung der Aufklärung der Mechanismen der „Selbstverdauung“ von Proteinkomplexen und ganzen Zell-Organen (Organellen). Die Regulation dieser Prozesse sei von enormer Bedeutung. Aufbauend auf die Arbeiten von Ohsumi seien mittlerweile auch viele seiner Mitarbeiter und Schüler auf dem Fachgebiet bekannt geworden.

Michael Jantsch, Zell- und Entwicklungsbiologie an der MedUni Wien, schilderte den Ablauf der Prozesse, welche der japanische Wissenschafter in jahrelanger Arbeit geklärt hat, so: „In den Zellen müssen viele Proteine und Organellen, die im Laufe von Alterungsprozessen zum Beispiel durch Oxidation geschädigt worden sind, abgebaut werden. Sie werden deshalb dafür markiert und bei der Autophagie mit einer Membran umgeben.“ In diesen Bläschen wird der „Abfall“ zu den Lysosomen - Bläschen mit Abbauenzymen - transportiert. Die Membran verschmilzt mit dem Lysosom und die Fracht ist damit bei der Müllerentsorgung angekommen. Man habe mit gestörten Autophagie-Abläufen vor allem manche Tumorerkrankungen in Verbindung bringen können, aber auch altersbedingte Krankheiten.

Claudine Kraft von den Max Perutz Laboratories (MFPL) in Wien forscht direkt an Autophagie. „Man wusste schon lange, dass es einen solchen Mechanismus gibt. Ohsumi hat das erste daran beteiligte Gen entdeckt, das er ATG1 nannte. Er entdeckte danach 14 weitere Gene, die an Autophagie beteiligt sind.“ Neben der Beseitigung von Abfall in den Zellen sei die „Selbstverdauung“ aber auch für mehrere andere Prozesse wichtig. „So können damit in die Zelle eingedrungene Pathogene, zum Beispiel Bakterien, erkannt und beseitigt werden. Darüber hinaus erlaubt die Autophagie ein Recycling in der Zelle. Wenn eine Zelle keine Nährstoffe erhält, beginnt sie mit Autophagie, um daraus wieder Bausteine zu erhalten.“ Kommen Mäuse mit ausgeschalteter Autophagie auf die Welt, verhungern sie, weil ihnen bis zur Versorgung mit Muttermilch die notwendige Energiezufuhr fehlt.

Wichtig sei die Forschung für das Verständnis von neurodegenerativen Erkrankungen. „Wenn man bei Mäusen ausschließlich im Gehirn die Autophagie ausschaltet, kommen sie zwar lebend zur Welt. Sie zeigen aber sofort Symptome von Morbus Alzheimer und Morbus Parkinson.“ Das weist darauf hin, dass etwas Autophagie für das Funktionieren des Organismus einfach notwendig ist.