Film und TV

“Egon Schiele“: Ein Hallodri im Bann seiner jungen Modelle

© Thimfilm

Dieter Berner verweigert sich in „Egon Schiele: Tod und Mädchen“ allen Spekulationen, aber auch einem neuen Blick auf den Expressionisten.

Innsbruck –Österreich und seine Künstler und Künstlerinnen, das war schon immer und in jeder Beziehung eine komplizierte Liebesgeschichte. Seltsamerweise wurden dann auch die Kinobiografien oder filmischen Bewältigungen dieser komplexen Verhältnisse zu künstlerischen und kommerziellen Katastrophen, als wollten sich die Porträtierten nachträglich gegen die Vereinnahmung wehren. 1981 scheiterte Herbert Vesely mit Mathieu Carrière als Egon Schiele und seinem Blick auf den Skandalmaler mit „Exzesse“. Raouil Ruiz besetzte 2006 Nikolai Kinski als Schiele, doch der Star in seinem „Klimt“-Film war John Malkovich. Ohne jede Spekulation nähert sich in „Egon Schiele: Tod und Mädchen“ Dieter Berner, der Ende der 70er-Jahre mit seiner „Alpensaga“ österreichische Fernsehgeschichte geschrieben hat, dem Expressionisten, der im Oktober 1918 im Alter von nur 28 Jahren an der Spanischen Grippe gestorben war.

Schieles Schwester Gerti (Maresi Riegner) findet ihren fiebernden Bruder (Noah Saavedra) neben dessen bereits an der Pandemie gestorbenen Frau Edith (Marie Jung). Dieser Moment ist ideal für eine Rückblende, in der sich Gerti an die Ausgelassenheit der frühen Jahre erinnert. Sie war sein bevorzugtes Akt- und Kindermodell, bis Schiele in einer Praterattraktion die Pantomimin und Gelegenheitsprostituierte Moa Mandu (Larissa Aimee Breidbach) findet. Im böhmischen Krumau entdecken Schiele und seine Künstlerfreunde die erotische Libertinage, die er mit der 17-jährigen Wally Neuzil (Valerie Pachner) – ein Geschenk seines Förderers Gustav Klimt (Cornelius Obonya) – kultiviert. In diese Episode fällt auch Schieles Verurteilung als Pornograph, während sich die Anklage der „Schändung“ eines minderjährigen Mädchens als pubertäre Fantasie erweist.

Zwischen den Erinnerungen versucht Gerti, Fieber senkendes Chinin aufzutreiben, das auf dem Schwarzmarkt nur gegen Preziosen zu erhalten und die zu opfern Schieles Schwiegermutter aber nicht bereit ist. Die nächste Rückblende gehört daher Edith, die Schiele als Ehefrau während seiner Militärzeit nach Prag folgt und wieder in Wien aus Eifersucht die Beziehungen des Malers zu seinen Modellen hintertreibt. Dabei wird nie sichtbar, was Dieter Berner an seinem Protagonisten wirklich interessiert. Ist es der Hallodri, der seine meist jugendlichen Aktmodelle ausgebeutet hat oder ist es der Berserker, der immerhin Tausende Zeichnungen und Gemälde hinterlassen hat? Sogar das einzige Kinobild verschenkt der Film nach Sekunden: Gerti zieht ihren sterbenden Bruder auf einem Leiterwagen durch die düsteren Straßen Wiens. (p. a.)