Die Gewalt im Stadion hat viele Väter
Die Ausschreitungen nach dem Tiroler Fußballderby in Wattens muss vielfach der FC Wacker ausbaden. Ansatzpunkte lassen sich im gesellschaftlichen Kontext viele finden.
Von Alex Gruber
Wattens – Dass Ex-Wacker-Obmann und Ex-Bundesliga-Vizepräsident Gerhard Stocker in Wattens im Wacker-Sektor in die Rolle des „Feuerlöschers“ schlüpfte – „Ich habe einen vermummten Fan um das Versprechen gebeten, den zweiten Bengalo nach der Unterbrechung nicht aufs Feld zu werfen“ –, sagt einiges aus: „Der Aufwand wird unterschätzt“, weiß Stocker aus langjähriger Erfahrung. Zu seiner Zeit sei man für die Arbeit mit der Faninitiative noch gelobt werden, in den letzten Monaten traten auch neben dem grünen Rasen Gräben (Markenrechte) auf: „Wer nicht Teil der Lösung sein will, ist Teil des Problems“, erklärt Stocker. Statt Öl ins Feuer zu gießen, sei der Dialog zu suchen.
Dass sich einige „Fans“ über das Wattener Schwimmbad den Weg in den Kabinengang des Gernot-Langes-Stadions ebneten, weist hierzulande und stellvertretend für Österreich aber auch auf Probleme in der Infrastruktur hin, die im ein oder anderen Zweitliga-Stadion und dessen näherer Umgebung herrschen. Die Spielergewerkschaft (VdF) monierte gestern, dass dieses Spiel aufgrund der prekären Ausgangslage als Risikospiel eingestuft hätte werden müssen und nie in Wattens über die Bühne gehen hätte dürfen. Wenngleich die Bundesliga festhält, dass alle Stadien den Anforderungen im Lizenzierungsverfahren und internationalen Vergleich standhalten. Eine Videoüberwachung beider Fansektoren sei gegeben, der Vorfall in Wattens sei vereinzelten Individuen zuzuordnen. Bei 360 Spielen in den beiden obersten Ligen und rund 1,5 Millionen Besuchern pro Jahr bewege sich die Anzahl der Vorfälle laut Bundesliga zudem in einer sehr überschaubaren Anzahl.
Die Strafgesetzgebung macht es nicht leichter, gewaltbereite „Fans“ (Ultras oder Hooligans) sofort zur Verantwortung zu ziehen. Das sofort abschreckende Beispiel bleibt sozusagen aus. In Deutschland wurde vor Kurzem gegengesteuert: Ein Urteil des Bundesgerichtshofs machte bei entsprechenden Voraussetzungen von höchster Instanz den Weg für die Klubs frei, sich das Geld für die Strafen (z. B. Bengalos oder Böllerwurf) bei den Tätern zurückzuholen.
Den Vereinen obliegt grundsätzlich auf zivilrechtlichem Weg die Möglichkeit, per Hausrecht ein Stadionverbot auszusprechen. Bundesweit liegen derzeit in Österreich 120 Stadionverbote vor, die für die Dauer von mindestens sechs Monaten bis zu zehn Jahren ausgesprochen werden können. Im Vergleich dazu bewegt man sich in Deutschland oder der Schweiz im vierstelligen Bereich. In Wattens hätten sich mit den Tatbeständen des „tätlichen Angriffs“, „Widerstands gegen die Staatsgewalt“ oder auch „schwerer gemeinschaftlicher Gewalt“ einige Radaubrüder für ein bundesweites Stadionverbot „empfohlen“.
Szenekundige Beamte in den jeweiligen Fanblöcken sollen dafür sorgen, dass diese Gefahrenherde nicht mit von der Partie sein können. Mit personalisierten Tickets für die Auswärtsspiele wartet in Österreich Rekordmeister Rapid Wien auf, der bei Spielen in der Fremde von zehn bis 20 eigenen Ordnern begleitet wird. Mit einer klaren, roten Linie, die politischen Extremismus, Gewalt oder Böllerwürfe verurteilt, sei man laut Pressechef Peter Klinglmüller in der Vergangenheit ganz gut gefahren. Und wie bei allen anderen 20 Bundesligisten habe sich der laut Lizenzierungsbestimmungen hauptamtliche Fanbeauftragte als Bindeglied zwischen Klub und Fanszene etabliert.
Von vielen wird auch verstärkte Sozialarbeit gefordert. Eine Forderung, die Maximilian Laimer, beim FC Wacker Innsbruck für Infrastruktur und Sicherheit zuständig, unterschreibt: „Da, wo die Sozialarbeit hinkommt, kommt der Verein eben oft nicht hin. Das Vertrauen zu den Fans ist extrem wichtig“, führt er aus. „Natürlich hat z. B. Deutschland andere Dimensionen als wir. Aber die Unterstützung der Fan-Sozialarbeit ist in Österreich auch von politischer Seite eher schwach. Und dabei könnte man sich schon ein Beispiel an Deutschland nehmen“, blickt Laimer über die Landesgrenze. Eine Stellungnahme der Bundesliga ergänzt: „Da der Fußball nicht isoliert zu betrachten ist, sondern häufig auch Spiegel der Gesellschaft ist, ist zusätzliche Unterstützung natürlich immer willkommen.“
In einem funktionierenden Sozialsystem bleiben Kommunikation und Verständnis weit abseits pauschaler Verurteilungen das A und O. Der FC Wacker will die Zusammenarbeit mit den Fanklubs und der Faninitiative Innsbruck wieder intensivieren.
Sanktionen für die Radaubrüder stehen ins Haus. Das Gastspiel in Wattens lieferte den Anstoß. „Fanarbeit ist auch eine Finanzfrage. Du bekommst das nicht ehrenamtlich in den Griff, das ist nicht zumutbar“, wirft Stocker ein: „Es braucht Manpower.“ Und auch eine Selektion der Fans in ihren eigenen Reihen. Gewalt hat ja viele Väter.
Große Probleme, wohin man auch schaut
Dass Fan-Ausschreitungen im Fußball kein österreichisches Phänomen sind, scheint klar. Gerade einmal vier Monate ist es her, dass russische und englische Hooligans Marseille bei der Europameisterschaft in ein Schlachtfeld verwandelt hatten. Doch man muss gar nicht so lange zurückgehen. Allein in den letzten Wochen gab’s Aufreger quer über den Kontinent.
Brennpunkt Warschau:
Bei der 0:6-Champions-League-Niederlage gegen Borussia Dortmund attackierte ein Warschauer Zuschauer, BVB-Fans wollten den Gästeblock stürmen und stimmten antisemitische Gesänge an.
Brennpunkt Frankfurt:
Bis zur Winterpause darf die Eintracht nur noch personalisierte Tickets für Auswärtsspiele verkaufen. Im Derby gegen Darmstadt und im DFB-Pokal gegen Magdeburg hatten die „Fans“ Leuchtraketen in den gegnerischen Block geschossen.
Brennpunkt Köln:
Rund um die Partie zwischen Köln und RB Leipzig kam es zu heftigen Krawallen. Die Polizei stellte 16 Strafanzeigen wegen Raubes, Widerstands gegen die Staatsgewalt, Landfriedensbruchs, Körperverletzung und Sachbeschädigung. Auf dem Gästeparkplatz waren die Reifen von sieben Kleinbussen zerstochen worden, die Polizei setzte Schlagstöcke und Pfefferspray ein, ein Beamter wurde verletzt. Nach dem Abpfiff hatten insgesamt 100 Kölner Hooligans versucht, in Richtung Gästeblock durchzubrechen.
Brennpunkt Basel:
Der FC Basel ist der Fußballklub in der Schweiz. Das Hooligan-Problem bekommt der FCB aber auch in dieser Saison nicht in den Griff.
Brennpunkt London:
Auch wenn die frühere Hooligan-Hochburg England das Problem mit einer Null-Toleranz-Politik und gesalzenen Ticket-Preisen scheinbar unter Kontrolle bekommen hat, gibt’s immer wieder Ausschreitungen: Beim Premier-League-Spiel vergangenes Wochenende zwischen West Ham und Middlesbrough wurden drei West-Ham-Anhänger wegen Schlägereien verhaftet.
Brennpunkt Zagreb:
Beim Champions-League-Duell zwischen Dynamo Zagreb und Juventus Turin lieferten sich kroatische und italienische Hooligans in der Innenstadt eine Straßenschlacht.
(t.w.)
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