Literatur

Annäherung an die Wirklichkeit

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Das Literaturhaus am Inn widmet sich am 7. und 8. Oktober der rumänischen Literatur.

Innsbruck –Mitunter sucht sich die Wirklichkeit ihre Symbole selbst: Als es 1992, drei Jahre nach dem Tod des Diktators Nicolae Ceaus¸escu, galt, Rumäniens Ankunft in der „freien Welt“ zu feiern, holte man Michael Jackson nach Bukarest. Und der Superstar verstörte die begeisterungswillige Menschenmenge. Denn sein Gruß galt Ungarn: „Hello, Budapest.“ Eindrücklicher lässt sich kaum auf die Euphoriebremse treten: Die enttäuschten Hoffnungen der Wendejahre trugen die Züge des „King of Pop“.

Für ihre Schilderung dieses Moments wurde Dana Grigorcea 2015 beim Bachmann-Wettbewerb gewürdigt. „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“, der Roman, den Grigorcea aus dieser Episode entwickelte, entwirft das Bild eines Landes in der Zeitschleife: Den Parteifunktionären folgen die Glücksritter und Spekulanten – die Misere aber bleibt.

Grigorceas Roman kann als exemplarisch für die jüngere rumänische Literatur angesehen werden: Eine von den Gespenstern der Geschichte getriebene Gegenwart trifft auf formale Spielfreude. Diese ist allerdings anders als bei älteren Autoren – Nobelpreiskandidat Mircea Ca˘rta˘rescu zum Beispiel – weniger postmodernem Bildersturm verpflichtet als behutsamer Annäherung an die Wirklichkeit, in deren Zentrum nach wie vor die Zäsur 1989/90 steht. Und die erlaubt durchaus bittere Feststellungen. „Es sieht so aus, als könnte hier keiner mit der Freiheit etwas anfangen“, konstatiert etwa eine Figur in György Dragománs „Der Scheiterhaufen“. Dragomán, der in seiner ungarischen Muttersprache schreibt, legte mit „Der weiße König“ (2008), der von einer Kindheit in Ceaus¸escus Rumänien handelt, einen der Romane des vergangenen Jahrzehnts vor. Mit „Der Scheiterhaufen“ rücken nun die Jahre des Übergangs in den Blick, für die Dragomán Bilder von beinahe filmischer Intensität findet.

Der im Kino erprobten Montagetechnik bedient sich auch Catalin Dorian Florescu, der mit seinem kürzlich erschienenen Roman „Der Mann, der das Glück bringt“ ein weltumspannendes Jahrhundertpanorama entfaltet: Von den Leprakolonien in den südosteuropäischen Sümpfen um 1900 bis ins vom Terror getroffene New York des 11. September führt die kühn konzipierte Reise. Womit einmal mehr bewiesen ist: Die neue Weltliteratur drängt von den Rändern ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Und dort sind Rumäniens Erzähler inzwischen angekommen. (jole)