Zuckerln aus der Kadaverfabrik
Voodoo Jürgens gilt als Hoffnungsträger des neuen Austropop. Das soeben erschienene Debütalbum „Ansa Woar“ gibt dem Wirbel um den Dialektsänger aus Tulln Recht.
Von Silvana Resch
Innsbruck –Wer dachte, der Hype um den so genannten neuen Austropop sei mit Wanda aus- beziehungsweise überreizt, irrt. Die Wiener Rock’n’Roller steuern ihren Amore-Dampfer längst durch sichere Gewässer – eine nicht unumstrittene Kreuzfahrt im Mittelmeer inklusive. Voodoo Jürgens kommt da gerade recht, um den geneigten Hörer aus der Seichtheit herauszuholen, die dem „Mainstream“ gerne unterstellt wird. Und um ihn tiefer hinabzuführen in die halbseidene Welt der Elenden und Gestrandeten, der Außenseiter und der Strizzis – so wie auch der Vater von Voodoo Jürgens einer war. Dass dieser 1991 in den Häf’n marschierte, ist lange her, auf dem Cover des Debütalbums seines Buben macht er sich dennoch gut. Für Klein-Voodoo war das wahrscheinlich weniger lustig, schließlich wurde die Nachricht auch in der Zeitung „groß inseriert“. Nachzuhören im großartigen Song „Tulln“, in dem der Liedermacher zum wehmütigen Streifzug durch die Stadt seiner Kindheit und Jugend lädt. Eine Art tragikomische Coming-of-Age-Story, angesiedelt „zwischen Zuckerbude und Kadaverfabrik“, von den Wurstsemmeln, die ihm die „Tyrannen“ im Kindergarten abgenommen haben, zu den 500 Schilling, die der Stadtpark Fredl demjenigen gezahlt hat, der ihm beim Wixen zugeschaut hat. Die erste Liebe wohnte dort, wo die Blumen so schön sind (am Campingplatz), am Rückweg von der Diskothek hat sie sich leider mit dem Auto „derstessen“.
Der Mundart-Popkünstler Voodoo Jürgens kommt aus Tulln, und von dort ist er bald „davongrennt“, um in dem per Luftlinie 27 Kilometer entfernten Wien in einer Schrammelpunk-Band namens Eternias zu spielen. Wanda gaben damals noch den Support, lange bevor der Hype um das Neo-Wienerlied einsetzte, ist auch Voodoo Jürgens zum Mundart-Solokünstler geworden. Ein „Gschichtldrucker“, so wie die von ihm besungenen Hallodris und Helden, die im grindigen Irrgarten zwischen Tragik und Komik, aber stets nahe beziehungsweise unter dem Existenzminimum leben. In seiner Fabulierlust schreckt Voodoo Jürgens auch vor Ausflügen ins Hörspielfach nicht zurück. Ein Anruf, wie er als so genannter Skit aus dem HipHop bekannt ist, wird da zum Mini-Hörspiel über „Alimente“. Mit „Ansa Woar“, so der selbstgewisse Titel des Debüts, legt der neue Hoffnungsträger des Austropop eine Platte vor, die tatsächlich viel besser ist, als man es von seinem zwingenden Indie-Hit „Heite grab ma Tote aus“ erwarten durfte. Mit verblüffender Leichtigkeit kann der abgefeimte Texter den „Jimmy Cool“ samt Vokuhila, dicker Silberkette und Tschick ablegen, um in Stücken wie „In deiner Nähe“ ganz betörend über die Liebe zu singen: „Da oben am Himmel schmilzt a Emmentaler-Scheib’n.“
Dass die Trinkerhymnen nicht fehlen dürfen, ist klar, ein „Wahnsinn“ auch der Hansi Orsolic, dem in „Hansi da Boxer“ ein herrlich schräges Denkmal gesetzt wird. Voodoo Jürgens gelingt es mit seinen argen Geschichten, die in insgesamt 13 Popsongs aufgetischt werden, auf erstaunliche Art zu berühren, sein Schmäh hat Poesie. Musikalisch rumpelt und tscheppert „Ansa Woar“ mit Klavier, Orgel, Quetschn und gezupfter Gitarre zwischen düsterem Wienerlied und Chanson daher. Unterstützung kommt unter anderem vom Nino aus Wien oder Mitgliedern der Band Ja, Panik. Schauspielerin Eva Billisich findet sich im schwungvollen „Gitti“ zum Duett ein, die Warnung vor dem „Vorstadtcasanova“ kommt freilich längst zu spät. Dem dunklen Zauber des Voodoo Jürgens ist schwer zu entkommen, der Austropop-Hype fängt wohl jetzt erst richtig an.
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