Reinhard Kaiser-Mühlecker nutzt Sprache „jenseits von allem Inhalt“

Wien (APA) - Mit „Fremde Seele, dunkler Wald“ hat der gebürtige Oberösterreicher Reinhard Kaiser-Mühlecker (33) einen ruhigen, fein nuancier...

Wien (APA) - Mit „Fremde Seele, dunkler Wald“ hat der gebürtige Oberösterreicher Reinhard Kaiser-Mühlecker (33) einen ruhigen, fein nuancierten Roman über ein Brüderpaar und ländliche Herkunft geschrieben. Das Buch landete auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und hat auch Chancen auf den Österreichischen Buchpreis. Mit der APA sprach der Autor über Figurenfindung, Zeitlosigkeit und Auszeichnungen.

APA: Bei „Fremde Seele, dunkler Wald“ steht die Familie in verschiedenen Ausprägungen im Fokus. Was hat für Sie den Ausschlag gegeben, sich wieder damit zu beschäftigen?

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Das passiert weniger analytisch, sondern ergibt sich insofern, als ich von einer Figur schreiben wollte, nämlich von Alexander, dem älteren Bruder. Es ist weniger die Familie, sondern eher die Herkunft, die mich beschäftigt hat. Dass da die Familie einen großen Raum einnimmt, ist vielleicht ganz natürlich. Aber es ist jedenfalls nicht so, dass ich mich als Familienbetrachter begreife - und auch das Buch nicht als Familienroman sehe. Es ist ein Buch mit Figuren, die alle irgendwo herkommen, für die Familie vielleicht auch gar nicht so wichtig ist.

APA: Sehr eindrücklich beschreiben Sie die Abneigung des jüngeren Bruders Jakob, der seine Jungfamilie sprichwörtlich „nicht riechen“ kann. Welchen Effekt wollten Sie damit erzielen?

Kaiser-Mühlecker: Eins folgt auf das andere. Ich plane keine Bücher und lege auch keine Figuren an, sondern sehe jemanden - oder zwei oder drei - und beschreibe die dann immer genauer. Es ist kein Effekt, der damit erzielt werden soll, sondern Ausdruck einer Gequältheit dieses fast noch Kindes, der in so einem Zwischenbereich lebt als einer, der zu früh in die Schule kam und zu früh damit fertig wurde. Der Geruch ist etwas, aber es könnte auch etwas anderes sein, das ihn um den Verstand bringt. Das ist auch ein Stellvertreter für Sprache.

APA: Es gibt einige Erzählstränge, die angerissen werden, aber nicht gänzlich geklärt oder weiterverfolgt...

Kaiser-Mühlecker: Für mich hängt alles ganz stark zusammen. Weniger, dass ich es als Nebenstrang sehe, sondern als Beschreibung eines Gefühls oder einer Farbe. Auch diese Dinge, dunkle Ahnungen oder unangenehme Spannungen, sind für mich notwendig. Ich versuche sie mit Sprache so umzusetzen, dass es am Ende beim Lesen das erzeugt, was ich jenseits von allem Inhalt mitteilen möchte. Wie einen Geruch, ganz unbeschreibbar, aber dass etwas hinterlassen wird beim Leser, das nicht vorbei ist, wenn man das Buch zuschlägt.

APA: Die Verortung der Geschichte ist, wie Sie schon erwähnt haben, ganz wichtig. Was ist denn zuerst da: die Figur oder der passende Ort?

Kaiser-Mühlecker: Momentan scheint es so, als käme ich gar nicht los von dieser Gegend aus der ich her bin. Insofern stellt sich diese Frage gar nicht so wirklich, wo sich diese Figur gerade bewegt. Sie bewegt sich in dieser Landschaft, in dieser Gegend. Ich komme mehr und mehr drauf, dass es immer bestimmte Figuren oder dass es sozusagen ein bestimmter Menschenschlag ist, der mich interessiert. Ich meine, dass er irgendwie besonders ist - das meine ich weder besonders positiv noch negativ. Und der, wie jede Besonderheit, es verdient, aufgeschrieben und beschrieben zu werden. So kann man etwas kennenlernen, was man sonst nicht kennenlernen würde.

APA: Relativ vage bleiben Sie hinsichtlich der Zeit, abgesehen von einigen wenigen Details. Lassen Sie Ihren Text bewusst frei davon?

Kaiser-Mühlecker: Darüber habe ich im Nachhinein nachgedacht. Die Figuren könnten ja beispielsweise auch WhatsApp haben oder Facebook. Aber ich habe das selber alles gar nicht, mir ist das so fremd. Immerhin tun sie SMSen. Ich glaube nicht, dass man es sich aussucht, und zweitens glaube ich, dass es nur im Moment so scheint. Vielleicht wird man in zehn oder zwanzig Jahren bei diesem Buch sehr genau erkennen, das es jetzt spielt. Aber es gibt auch diese Leben und Figuren, die sehr mit ihrem Radius, der vielleicht klein sein kann, beschäftigt sind, und mit der sogenannten großen Welt weniger.

APA: Findet man im Kleinen das Große wieder?

Kaiser-Mühlecker: Ich bleibe immer am Begriff Dorfroman hängen, weil ich mich dann wundere. Es wird ja auch nicht jedes Buch, das in einer Stadt spielt, als Stadtroman bezeichnet. Aber Figuren eines Buches bewegen sich in irgendwelchen Räumen. Es macht für mich keinerlei Unterschied, wo das stattfindet. Meine Geschichten finden dort statt, wo ich mich auskenne. Doderer macht es im 9. Bezirk, ich sehe den Unterschied nicht.

APA: Sehen Sie eine gesellschaftspolitische Funktion der Literatur?

Kaiser-Mühlecker: Ich weiß nicht, ob es das mal gab, aber ich glaube, das gibt es nicht mehr. Es wird immer große Literatur geben, aber eine gesellschaftliche Funktion wird sie vielleicht nie wieder haben. Ich glaube, dass es einer Gesellschaft schadet, sich nicht Zeit zu nehmen für die Dinge. Aber es ist so, man kann es nicht ändern. Ich habe lange in Schweden gelebt, und dort gibt es keine Bücher mehr. Es gibt in ganz Stockholm einen Buchladen. Das Magazin der städtischen Bibliothek hat seit einigen Jahren geschlossen, das sperrt nicht mehr auf. Ich habe regelmäßig nachgefragt und mir wurde gesagt: Du bist der einzige, der sich darüber beschwert. Das spielt keine Rolle mehr. Und wenn man etwas schreibt, das vielleicht auch nicht für das große Publikum zugänglich ist, dann ist man ein Elitist und wird von der Menge abgelehnt. So ist die Situation dort. Ich weiß nicht, ob wir auch darauf zugehen. Wenn man das erlebt hat, wird man schon bei jedem Spurenelement alarmiert.

APA: Sie sind sowohl für den Deutschen als auch den Österreichischen Buchpreis nominiert. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Kaiser-Mühlecker: Es beschäftigt mich insofern, als man, wenn man da irgendwo vorkommt, mehr verkauft als sonst. Es ist ein bisschen leicht, sich darüber lustig zu machen, wenn man nicht vorkommt. Ich hätte ja auch in den letzten Jahren schon genannt werden können, war ich aber nie, und habe diesen Zirkus eigentlich immer recht abgelehnt. Ich finde ihn immer noch problematisch, aber tue mir jetzt schwerer, mich darüber zynisch zu äußern. Aber es ist ein Lotteriespiel. Ich hoffe, das weiß jeder. Deshalb darf man auch nicht traurig oder beleidigt sein, wenn man nicht vorkommt.

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - Der Deutsche Buchpreis wird am 17. Oktober in Frankfurt verliehen; am 11. Oktober wird die Shortlist zum Österreichischen Buchpreis bekanntgegeben; www.kaiser-mühlecker.at)

(A V I S O - Die APA hat am 19.9. unter APA090 eine ausführliche Kritik zu „Fremde Seele, dunkler Wald“ gesendet, die im AOM abrufbar ist.)