Gesundheit

Dagegen ist ein Kraut gewachsen

Johann Baierl besitzt einen Kräutergarten auf 1100 Metern Höhe. Der Landwirt aus Brixen setzt auf die heilende Wirkung der Natur.
© Bildagentur Mühlanger

Egal, ob Brennnessel, Ginko, Ringelblume oder Blutwurz – Johann Baierl aus Brixen geht Krankheiten mit Kräutern an den Kragen. Doch Vorsicht: Die „Apotheke aus der Natur“ birgt auch Gefahren.

Von Miriam Hotter

Brixen i. T. –Johann Baier­l zupft braune Blätter von einer Pflanze, die in einem hängenden Blumentopf vom Balkon baumelt. „Das Kraut heißt Jiaogulan.“ Ji was? „Jiaogulan. Man kann auch Kraut der Unsterblichkeit dazu sagen“, erklärt Baierl. Und zwar deshalb, da in der chinesischen Provinz Guizhou der Anteil der über 100-Jährigen über dem allgemeinen Bevölkerungsschnitt liegt. Dies führen die Bewohner auf den regelmäßigen Genuss eines Tees aus dem Kraut zurück.

Auf dem Obertreichl-Hof hoch über Brixen baut der 65-Jährige noch andere Kräuter an: Olivenkraut, Ringelblume, Brennnessel und Blutwurz sind nur einige Exemplare in seinem Kräutergarten auf 1100 Metern Seehöhe. Den Pflanzen schreibt Baierl eine heilende Wirkung zu. „Die Schlüsselblume hilft bei Kopfschmerzen“, nennt er ein Beispiel. Gegen Verspannungen helfe Beinwell, bei Ohrensausen soll Ginko ein Geheimtipp sein und Blutwurz bremse Zahnfleischschwund. „Die Kräuter ersetzen nicht die Schulmedizin“, räumt der Familienvater ein. „Steht eine Diagnose fest, können die Produkte unterstützend eingesetzt werden.“

Mit Produkten meint Baierl Nahrungsergänzungsmittel, Öle, Salben oder Tees. In dem großen Holzschrank in seinem kleinen Laden am Hof stehen alleine 16 verschiedene Teemischungen mit Namen wie Hexentee oder Bergfeuer. Insgesamt verarbeitet er „zwischen 60 und 70 unterschiedliche Kräuter“. Jene, die Baierl für Salben verwendet, müssen zuerst getrocknet werden. „Etwa ein oder zwei Tage, das hängt von der Pflanze ab. Die Ringelblume braucht sogar drei Tage“, erzählt der Kräuterpädagoge.

Sein Wissen über Heilkräuter verdankt er vor allem seinen Eltern und Großeltern. „Von ihnen habe ich zum ersten Mal von Kräutern und ihrer Wirkung erfahren.“ Doch als junger Mann hegte er kein Interesse an Heilkräutern. Erst als er 1976 seine jetzige Ehefrau Elisabeth, die Tochter des Obertreichl-Hofes, kennenlernte, entdeckte er seine Leidenschaft dafür. Es folgten unterschiedliche Ausbildungen, unter anderem zum Kräuterpädagogen. Früher wurde er dafür belächelt. Heute genießt er großes Ansehen und teilt sein Wissen jeden Freitag am St. Johanner Wochenmarkt oder bei Führungen durch seinen Kräutergarten.

Dieses Wissen sei nötig, um „Unfälle“ auszuschließen. Denn nicht jedes Kraut habe einen positiven Einfluss auf den Körper. „Der Eisenhut ist zum Beispiel eine beliebte Gartenpflanze, aber sehr giftig. Wenn man so einen Tee trinkt, muss man schauen, dass eine Rettung in der Nähe ist“, schildert der Landwirt. Auch der Trompetenbaum enthält Giftstoffe, die laut Baierl tödliche Folgen haben können.

Gift für seine Ernte war hingegen das heurige Wetter. „Bis Mitte Mai hat es noch Frost gegeben, deshalb haben wir Einbußen bei der Ernte gehabt.“ Vor allem mediterrane Pflanzen wie Zitronenmelisse oder Minze hätten darunter gelitten. Die Folgen: braune Blätter sowie kaum vorhandene Inhaltsstoffe. Apropos mediterran: Baierl versucht zunehmend, Kräuter aus dem Süden anzubauen. Mit der Yamswurzel sei ihm dies bereits gelungen. Der tropischen Heilpflanze wird eine entzündungshemmende Wirkung zugeschrieben, sie wird zur Linderung von Wechseljahrebeschwerden verwendet. „Ich habe auch probiert, den griechischen Salbei anzubauen. Aber der wächst auf 1100 Metern nur sehr, sehr langsam. Da muss man schon gut zureden.“ Baierl ist nämlich davon überzeugt, dass Pflanzen besser wachsen, wenn man mit ihnen spricht. „Da hat jeder eine andere Sichtweise. Bei mir passiert es automatisch, dass ich mit den Pflanzen rede oder mit der Hand über sie drüber streiche.“ Ganz nach dem Motto: Wer andere gut behandelt, wird belohnt. Vielleicht sogar mit einem 100 Jahre langen Leben.