Armenien goes bio - Österreich unterstützt Bauern bei Umstellung

Eriwan (APA) - Verlässt man Armeniens pulsierende, moderne Hauptstadt Jerewan in Richtung der dünn besiedelten, ländlichen Gegenden, wird sc...

Eriwan (APA) - Verlässt man Armeniens pulsierende, moderne Hauptstadt Jerewan in Richtung der dünn besiedelten, ländlichen Gegenden, wird schnell ersichtlich wie groß das Stadt-Land-Gefälle in dem kleinen Land südlich des Kaukasus ist.

Die Vielzahl an Cafes und Restaurants, die internationales Flair versprühen, die Dichte an teuren Boutiquen und Autos in Jerewan - sie zeichnen ein völlig anderes Bild als die Landesstatistik zeigt. Denn laut dieser lebt ein Drittel der Bevölkerung unter der nationalen Armutsgrenze, vor allem auf dem Land. Österreich unterstützt deshalb dort ansässige, kleine Bauern auf dem Weg zur Biolandwirtschaft.

Doch Armut ist bei weitem nicht das einzige Problem Armeniens. Die Aufbruchsstimmung vor fünf, sechs Jahren, ist abgeebbt, das erhoffte, große Wirtschaftswachstum ist ausgeblieben, die Korruption ist hoch, Politik und Wirtschaft wird von einigen wenigen Oligarchen bestimmt. Seit einigen Jahren kämpft das Land mit einer Auswanderungswelle - es sind die jungen, gut Ausgebildeten, die in Richtung Westen ziehen; Arbeiter - meist vom Land - gehen saisonal nach Russland oder in die Ukraine. Zurück kehren sie immer öfter mit Geschlechtskrankheiten oder HIV/AIDS. „Früher hatten wir wenige AIDS-Neuinfektionen. Besonders am Land sind die Verdachtsfälle durch die rückkehrenden Gastarbeiter aber dramatisch gestiegen“, erklärt eine armenische Caritas-Mitarbeiterin, deren Projekt von der Austrian Development Agency (ADA) unterstützt wird, im APA-Gespräch.

Ein Großteil der österreichischen Gelder in Armenien - seit 2011 Schwerpunktland der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (OEZA) - fließt aber in den Bereich Landwirtschaft. Im Rahmen des größten Projektes, der Organic Agriculture Support Initiative (OASI), werden Bauern dabei unterstützt, von konventioneller auf Bio-Landwirtschaft umzustellen. Jene, die bereits ökologisch produzieren, erhalten Hilfe bei der Steigerung von Produktion, Unterstützung im Marketing und Vertrieb. Das gros des Budgets stammt aus Mitteln der Europäischen Kommission, die ADA administriert und ko-finanziert.

Erst kürzlich wurden Zuschüsse (grants) an 18 Bauern aus den ländlichen Regionen vergeben. Das Interesse war und bleibt groß - 72 Landwirte hatten sich beworben. Vergangene Woche fiel dann der Startschuss für ein neues Projekt im Rahmen der OASI. Durch den „Small Farmers Support“ (SFS) will die ADA die verfügbaren Mittel auch Klein- und Kleinstbauern zugänglich machen. Die oft komplizierten EU-Formalitäten wurden deshalb auf ein Mindestmaß reduziert. Dass Bio auch in Armenien eine echte Zukunft hat, hat sich offenbar herumgesprochen. Bei der Präsentation des SFS in der Jerewaner Erebuni Plaza Business Centre sind viele Bauern angereist. Sie zücken sofort ihr Mobiltelefon, als auf der Leinwand die Folie mit der Website für Informationen zur Bewerbung erscheint. „Ich habe meine Arbeit schon immer geliebt, aber jetzt verdiene ich auch endlich etwas Geld damit, außerdem tue ich etwas für unsere Umwelt“, sagt eine Honigbäuerin, die dank OASI bereits jetzt in Bio-Qualität produzieren kann. „Ihr müsst eine Richtung wählen, und dann alle Kraft in die Arbeit stecken. Macht diesen Schritt, es lohnt sich“, motiviert ein anderer der 18 Bauern seine Kollegen.

Die Plantage, die Andranik Mkhitaryan in der Region Armavir managt konnte durch die OASI seine Anbaufläche von 110 auf 160 Hektar ausweiten, bald wird sie als Kooperative geführt. Der Bio-Markt in Armenien sei vielversprechend, erklärt Mkhitaryan stolz. Doch derzeit wird fast ausschließlich exportiert - in die USA, nach Deutschland und Russland. Bio-Produkte zu kaufen, das ist für viele Armenier noch unmöglich, die Öko-Schiene noch eine Nische.

Doch die ADA sieht Potenzial. Genauso wie Armenien stand auch Österreich vor einigen Jahren noch ganz am Anfang, was Bio-Lebensmittel betrifft, so Geschäftsführer Martin Ledolter, der die Zertifikate für die 18 OASI-Bauern persönlich in Jerewan überreichte. Österreich könne hier viel Wissen und Erfahrung einbringen, ist er überzeugt. Bisher gibt es in der Hauptstadt Jerewan nur einen Bio-Markt. Was in Österreich bereits Gang und Gebe ist - dass jede Kette ihre eigene Bio-Linie führt - scheint in Armenien noch fernab jeder Realität. Doch nach und nach sollen in den Supermarktketten Bio-Regale aufgestellt werden um so auch mehr Bewusstsein zu schaffen.

Insgesamt betrug das Armenien-Budget der ADA, die die gesamten staatlichen Mittel für Entwicklungszusammenarbeit organisiert, im vergangenen Jahr zwei Millionen Euro. Und nach Wunsch Ledolters soll das Budget steigen - obwohl das momentan eher ungewöhnlich ist. Denn nachdem Armenien im vergangenen Jahr offiziell der von Russland dominierten Eurasischen Wirtschaftsunion beitrat, zogen sich einige westliche Geberländer zurück. „Gerade in der EZA ist es unglaublich wichtig, dass man ein verlässlicher Partner ist. Und auch, wenn es politischen Gegenwind gibt, sollte man das bleiben“, begründet Ledolter im APA-Gespräch.

In den kommenden Jahren will sich Österreich deshalb neben dem Sektor Landwirtschaft auch im Bereich Tourismus engagieren - ein weiterer Hoffnungsmarkt im Südkaukasus. Er könnte, ähnlich wie die Projekte in Bio-Landwirtschaft, Aufschwung für die ländliche, oft ärmliche Bevölkerung bringen ihnen eine lebenswerte Zukunft im eigenen Land ermöglichen und die Wirtschaft ankurbeln. Damit sich die Schere zwischen Arm und Reich, das Gefälle zwischen Stadt und Land, die großen Gegensätze im Land, verkleinern und Armenien sein Potenzial endlich voll entfalten kann.