„Schwarzgeld“: Krimi um verlogene Leben und unerfüllte Träume
Wien (APA) - Ross Macdonald ist einer der besten amerikanischen Kriminalautoren des 20. Jahrhunderts. Nicht nur weil die Geschichten des 198...
Wien (APA) - Ross Macdonald ist einer der besten amerikanischen Kriminalautoren des 20. Jahrhunderts. Nicht nur weil die Geschichten des 1983 verstorbenen Schriftstellers (mit bürgerlichem Namen Kenneth Millar) gut und schlüssig, sondern auch noch in meisterlichem Prosa erzählt sind. Mit „Schwarzgeld“ erschien im Diogenes Verlag der fünfte Band an gelungenen Neuübersetzungen der Genre-Klassiker von Macdonald.
Die Gegenwart „ändert nichts an der Vergangenheit, aber sie könnte einem die Tragweite und das Ungelöste daran schmerzlich vor Augen führen“, sinniert Serien-Detektiv Lew Archer im ursprünglich 1965 erschienen „Schwarzgeld“. An anderer Stelle sagt er unaufgeregt, wie er nun mal ist: „Ich stöbere nur ein bisschen herum.“ Wie in allen Büchern Macdonalds entwickelt sich ein scheinbar einfacher Auftrag zu einem zunehmend komplexeren, aber am Ende von nachvollziehbaren Trieben bedingten Fall, den der Ermittler durch sein bisschen Herumstöbern offen legt - wie auch die gequälten Seelen der Protagonisten.
Diesmal soll Archer einem fresssüchtigen Mann die Verlobte zurückbringen, die mit einem scheinbar vermögenden Franzosen durchgebrannt ist. Gleich zu Beginn beobachtet der Schnüffler zwei Vögel, gleichsam wie Vorboten von dem, was über 360 Seiten folgen wird: „In der Kletterfeige, die eine Seitenwand der Terrasse bedeckte, erörterte ein Hausgimpelpärchen familiäre Angelegenheiten.“ Immer tiefer wartet Archer, der offen Sympathien für die Verlierertypen, für die Hintergangenen und Ausgenutzten in seinen Fällen hegt, in zwischenmenschlichen Angelegenheiten und Skandalen, die sorgfältig unter den Teppich gekehrt wurden.
Archer ist ein guter Zuhörer und Beobachter, ein Kenner der Menschen. Über einen Verdächtigen heißt es etwa: „Er war ein Typ, wie er in diesen Kreisen häufig anzutreffen ist: einer, der alles ausprobiert, aber nichts zu Ende führt.“ Und über eine der (nicht wenigen) vom Leben enttäuschten Frauen in der Geschichte denkt er: „Ich hatte das seltsame Gefühl, sie sei aus sich herausgetreten und spiele auf der Klaviatur ihrer Gefühle wie auf einer Orgel, nur dass sie einen ganzen Tastenbereich völlig aussparte.“
„Wenn man seine Sätze liest, könnte man vor Neid erblassen“, schwärmt Donna Leon unverhohlen vom Talent ihres Autoren-Kollegen. „Schwarzgeld“ ist wie viele Romane Macdonalds eine „Abrechnung mit dem amerikanischen Traum“, wie es im Klappentext des Taschenbuchs treffend heißt. Ja, es gibt Morde, aber mehr als diese erschüttern die verlogenen Leben und verlorenen Träume der auftretenden Figuren.
(S E R V I C E - Ross Macdonald, „Schwarzgeld“, Taschenbuch mit Nachwort von Donna Leon, Diogenes, 368 Seiten, 16,50 Euro)
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