Schwer zu fassende Wortkaskaden: „Die Auswandernden“ von Waterhouse

Wien (APA) - Charles Dickens nimmt einen ebenso wichtigen Platz ein wie Eigenheiten des Fremdenrechts; Wörter und ihre Bedeutungen, ihre art...

Wien (APA) - Charles Dickens nimmt einen ebenso wichtigen Platz ein wie Eigenheiten des Fremdenrechts; Wörter und ihre Bedeutungen, ihre artverwandten und weitverzweigten Assoziationen stehen hier quasi gleichberechtigt neben Bildern, die das Geschriebene spiegeln, deuten, weiterdenken. Peter Waterhouse hat mit Nanne Meyer „Die Auswandernden“ verfasst - und damit ein Buch, das nur schwer zu fassen ist.

Der österreichische Schriftsteller, dessen neuestes Werk auch auf der Longlist für den ersten Österreichischen Buchpreis gelandet ist, hat sich sozusagen der Aktualität verschrieben: Im Jahr seines 60. Geburtstags zeigt sich der gebürtige Berliner, der 2012 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis bedacht wurde, damit als ein stets Suchender, ein umtriebiger Geist im gesellschaftspolitischen wie literarischen Geschehen, der sich konventionellen Vorgaben gänzlich entzieht.

So beginnt „Die Auswandernden“ auch nicht mit Text im herkömmlichen Sinn: „niemand wußte“, „aber jeder“, „wird wissen“ steht auf der ersten Doppelseite in kleinen, weißen Feldern. Einmal ist der Hintergrund schwarz, versehen mit mehreren zarten Kreisstrichen, gegenüber wähnt man sich in einer Mischung aus kartografischer Nahaufnahme und mikroskopischer Zellansicht. Es sind Bilder der deutschen Künstlerin Nanne Meyer, die hier und die weiteren 250 Seiten über immer wieder in einen Dialog treten mit den Gedanken von Waterhouse.

Und die kreisen im Kern um zwei Dinge: Flucht, Flüchtlinge und die realen Personen sowie Schicksale hinter diesen Begriffen; und andererseits um Sprache, um die Bedeutung von Wörtern - sowohl die offensichtliche wie die unausgesprochene - und die Möglichkeit, damit der Welt zu begegnen. Den Ausgangspunkt dafür liefert ein Parkbesuch mit Media, die mit ihrer kleinen Tochter aus einem kaukasischen Dorf nach Österreich geflüchtet ist. Stets führt sie ihr Wörterbuch mit, das in weiterer Folge für den Autor wie für den Leser zum vielgestaltigen Anker wird, um sich von „gescheitert“ über „betreten“ bis zu „aufgreifen“ entlangzuhangeln.

Das Schicksal von Media geht somit über in Erinnerungen an eine Lesung von Waterhouse, wird gekreuzt mit Betrachtungen zu Dickens‘ „Tale of Two Cities“, rückt dann durch die Absurdität von Befragungen und den notwendigen Amtswegen der Geflüchteten wieder in den Vordergrund. Dann gibt es noch einen mit der Zahl 4 zusammenhängenden Todesfall, eine Rede von Waterhouse im Asylgerichtshof oder märchenhafte Einschübe. Sie alle wechseln sich teils ansatzlos, teils mit behutsam vorbereiteten Übergängen ab, ergänzen sich und stehen doch oft wie zufällig nebeneinander.

Und immer wieder die Bilder Meyers: Mal die Natur als Vorlage bedienend, dann wieder von architektonischer Präzision, greift sie einzelne Themenblöcke auf und lässt sie nachklingen - oder nimmt sie in bestimmten Fällen auch vorweg. Es ist ein lustvolles Hin- und Herspringen, das so möglich wird, zwischen den oft atemlos wirkenden Gedanken von Waterhouse, die gerade im Hinblick auf die Sprache wie Kaskaden die Seiten hinabstürzen, und dem klaren Blick Meyers auf einzelne Abschnitte.

Seinen Standpunkt zur Haltung Österreichs in der Flüchtlingskrise, zu vielfach unmenschlich erscheinenden Verfahren macht Waterhouse von Beginn an klar und deutlich. Statt aber bloß Schuldzuschreibungen zu fabrizieren, verleiht er Gefühlen eine Stimme und geht darüber hinaus auf die Suche nach dem, was dahinter stecken mag.“Die Auswandernden“ ist ein Text geworden, an dessen Wortgewandtheit man sich laben kann, der aber auch zum Verweilen bei der kleinsten Einheit lädt. Ein in jedem Fall ungewöhnliches Unterfangen mit einem lohnenden Ergebnis.

(S E R V I C E - Peter Waterhouse (Text) und Nanne Meyer (Zeichnungen): „Die Auswandernden“, Starfruit, 256 Seiten mit 58 doppelseitigen Farbabbildungen, 28 Euro)