Blätterwirbel 2016: Eröffnung mit deutsch-irakischem Autor Najem Wali
St. Pölten (APA) - Das St. Pöltner Lesefest „Blätterwirbel 2016“ ist am Donnerstagabend im Landestheater NÖ mit einer Personale des aus dem ...
St. Pölten (APA) - Das St. Pöltner Lesefest „Blätterwirbel 2016“ ist am Donnerstagabend im Landestheater NÖ mit einer Personale des aus dem Irak stammenden, in Berlin lebenden und zuletzt mit dem Bruno-Kreisky-Preis ausgezeichneten Autors Najem Wali eröffnet worden. Im Gespräch mit Sigrid Löffler nahm Wali u.a. zur Situation im Irak und zum aktuellen Terrorismus Stellung.
Einen in herbem Kontrast zur Auseinandersetzung mit der Realität stehenden Kontrapunkt setzte die ORF-Moderatorin und Kulturjournalistin Clarissa Stadler mit ihrem Eröffnungsvortrag „Ich bin gestorben dem Weltgetümmel. Von der Wichtigkeit, der Welt gelegentlich abhandenzukommen“, in dem sie eine Lanze für den Eskapismus als Strategie in Krisenzeiten brach und in ihrem Plädoyer für literarische Weltflucht Friedrich Rückert, Joris-Karl-Huysmans, J.R.R. Tolkien, J.K. Rowling und das Fantasy-Genre bemühte. Einigermaßen befremdlich angesichts eines Schriftstellers wie Wali, der sich mit durchaus handfesten Themen wie Krieg, Unterdrückung und Heimatverlust beschäftigt und trotz gelegentlich ausufernder Erzählfreudigkeit alles andere als eskapistisch erscheint.
Er wolle kein nostalgisches Irak-Bild zeichnen, meinte Wali, dessen Roman „Bagdad - Marlboro“ für Löffler exemplarisch zur „neuen Weltliteratur“ zählt. Das Erdöl etwa, das seinerzeit den Reichtum des Irak begründet hat, sei ein Fluch, nicht nur, weil es zu verheerenden Interventionen geführt habe: „Das Öl hat die Menschen faul gemacht. Alles war gratis, Wasser, Strom...Gesellschaften, die unter Diktaturen gelebt haben, neigen zur Amnesie.“ Dieser Versuchung zum Vergessen will Wali entgegenwirken, etwa in seinem Band „Bagdad. Erinnerungen an eine Weltstadt“. Den Begriff „Weltstadt“ habe der Verlag beigesteuert, aber Bagdad lebe tatsächlich als eine Art weltweiter Mythos in der Fantasie aller Menschen, meinte Wali.
In seiner jüngsten Publikation „Im Kopf des Terrors. Vom Töten mit und ohne Gott“ stellt der 1956 in Basra geborene Schriftsteller die Frage: „Was macht den Terror für junge Männer so attraktiv?“ und begibt sich auf die literarischen Spuren einer Psychologie der Täter von Herostrat bis Sartre. Die Antwort scheint simpel: Die meist jugendlichen Terroristen seien „stolz, dass der Blick auf sie fällt“ und wähnten sich durch ihre Taten berühmt und unsterblich. Herr über Leben und Tod zu sein, entspreche dem Versuch, die Rolle Gottes zu übernehmen.
Im Landestheater folgt am 25. Oktober ein weiteres Porträt: Günter Kaindlstorfer moderiert einen Abend mit Eva Menasse. Am 27. Oktober liest Valerie Fritsch, am 28. Oktober stellt sich die Bibliothek der Provinz vor. Weitere Veranstaltungen finden im Stadtmuseum St. Pölten, im Cinema Paradiso, im Vinzenz Pauli, in der Musikschule, im Rendl-Keller und in der Buchhandlung Schubert statt.
(S E R V I C E - Blätterwirbel 2016, bis 30. Oktober, www.blaetterwirbel.at)
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