Wirbel um laxen Umgang mit Antibiotika
Über 46.000 Antibiotika der Gruppe Fluorchinolone wurden 2015 in Tirol verordnet. In den USA wurde für diese Medikamente die höchste Sicherheitswarnung verhängt. In Österreich erteilt man Warnhinweisen auf Tablettenpackungen eine Absage.
Von Brigitte Warenski
Innsbruck, Wien - Das ARD-Magazin „Kontraste" hat für große Aufregung in Österreich gesorgt. In einem Beitrag wurde über die breit verschriebene Antibiotikagruppe der Fluorchinolone (z. B. Levo- und Ciprofloxacin) und deren mögliche schwere Nebenwirkungen und bleibende Folgeschäden berichtet.
„Wir haben Anrufe von besorgten Bürgern erhalten, die um ihre Gesundheit gefürchtet haben", zeigt sich Christoph Baumgärtel von der Arzneimittelaufsicht AGES verärgert. „Chinolone sind auch bei uns seit Jahrzehnten auf dem Markt, und das mit einem guten Nutzen-Risiko-Verhältnis. Daher sehen wir keinen Handlungsbedarf", sagt Baumgärtel. Als „keine gute Idee" sieht er das Vorgehen der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA.
Sie hat heuer alle Fluorchinolone mit dem höchsten Sicherheitswarnhinweis, der so genannten „black box warning", versehen. Dass Antibiotika „grundsätzlich wie auch andere Medikamente schwere Nebenwirkungen wie z. B. Nierenversagen haben können, ist richtig", so Baumgärtel. Dennoch halte man in Österreich wie in der gesamten EU nichts davon, bei Medikamenten nach dem Beispiel von Zigaretten einen deutlich gekennzeichneten Warnhinweis anzubringen.
„Warum die FDA diesen Schritt gemacht hat, entzieht sich meinem Verständnis. Man kann nicht eine Latte von möglichen Nebenwirkungen mit einem Satz abhandeln wie bei den Fluorchinolonen, wo in den USA jetzt auf den möglichen Riss der Achillessehne hingewiesen wird", so Baumgärtel. In Österreich zähle man vielmehr auf „die Ärzte, von denen wir verlangen, dass sie die gesamten Fachhinweise lesen. Zudem können sich die Patienten am Beipackzettel über die möglichen Nebenwirkungen informieren."
Dass besonders niedergelassene Ärzte mit der Antibiotikaverschreibung oft zu lax umgehen, will Baumgärtel nicht in Abrede stellen. „Antibiotika werden nach wie vor bei viralen Infekten verschieben, wo sie völlig unnötig sind. Aber die Fehlverschreibungen sind durch Ärzte-Aufklärungskampagnen und Fortbildungen schon deutlich zurückgegangen." Zunehmend verschärft sich auch das Thema der wachsenden Resistenzen. Weil in den vergangenen 20 Jahren Chinolone unter den am häufigsten verschriebenen Antibiotika u. a. bei E.-coli-Bakterien waren, spricht ein Viertel aller Patienten auf Chinolone nicht mehr an.
Zudem rät auch die WHO, Fluorchinolone „nur im Einzelfall und unter strenger Indikationsstellung" einzusetzen. „Wir sind in Österreich auf dem richtigen Weg, Chinolone differenzierter einzusetzen, aber da ist noch Luft nach oben", sagt Baumgärtel. Langfristig könnte wachsenden Resistenzen aber „nur durch das regelmäßige Wechseln von Substanzen Einhalt geboten werden", so Baumgärtel.
Kommentare