Bühne

Verlorene Herzbinkerln in der Shoppingmall

© Alexandra Wiegold

Ferdinand Schmalz’ „der herzerlfresser“ im Akademietheater: Eine grausige Sagengestalt verirrt sich ins Einkaufsparadies.

Von Bernadette Lietzow

Wien –Es hat ihn wirklich gegeben, den „Herzerlfresser“, einen Knecht, der in den 1780er-Jahren in der Obersteiermark mehrere junge Frauen getötet und deren Herz verspeist haben soll, in der Meinung, dann besondere Kräfte zu gewinnen und unsichtbar werden zu können.

Der 1985 geborene Dramatiker Ferdinand Schmalz, selbst Steirer, verlässt die erlaubten kulinarischen Gefilde seiner vielbeachteten Stücke „am beispiel der butter“ und „dosenfleisch“, verlässt Fett und Eingemachtes und stellt mit der kulinarischen Annäherung an menschliche Eingeweide das Fressen und Gefressenwerden in der alles durchdringenden Konsumgesellschaft zur Diskussion. Kurz vor der Eröffnung eines zur „Regionalförderung“ in ein Sumpfgelände gebauten Shoppingcenters tauchen zwei ihrer Herzen beraubte Frauenleichen auf, die der umtriebige Bürgermeister (Johann Adam Oest) mithilfe seines Security-Beauftragten (Merlin Sandmeyer) verschwinden lässt. Sie beide, die alternative Moor-Fee Fauna Florentina (Irina Sulaver, im Kostüm der Die-Antwoord-Rapperin Yolandi Visser) sowie die „fußpflege irene“ (Peter Knaack), die einmal René hieß und dem Bürgermeister Rudi „ihr Herz schenken“ möchte, sind die umeinanderkreisenden Vereinzelten, in deren Mitte der „pfeil herbert“ (Sebastian Wendelin) auftaucht: ein Zwitterwesen aus Fleischer, Alleinunterhalter und „herzerlfresser“.

Gewohnt metaphernreich, bodenständig und zugleich abgehoben, mit wenig Scheu vor den Untiefen abgegriffener Wendungen „rutschen Herzen in die Hose“, tropft „Herzblut“ und „sagen Füße mehr als tausend Worte“, ist doch Irene eine veritable „Fuß-Leserin“. Regisseur Alexander Wiegold, Schmalz-erfahren nach seiner erfolgreichen Inszenierung von „am beispiel der butter“ im Burg-Vestibül, verzichtet darauf, der abgründigen Deftigkeit des Stücks mit allzu lauten Mitteln zu begegnen. Ein Wald aus blau-silbernen Glitzergirlanden (Bühne: Katrin Brack) ist Einkaufscenter und Sumpf, zweimal streift ein (echter!) Schäferhund durch das gleißende Dickicht, Lane Schäfers Kostüme halten treffend die Balance zwischen Dorf-Glamour und Alltag.

Entfalten kann sich in diesen Bildern ein sehr genau aufeinander abgestimmtes Ensemble, dem mit Sulaver und Sandmeyer zwei neue junge Burg-Schauspieler angehören. Entlang der stilisierten Sprache hat sich Wiegold für ein ebenso stilisiertes Spiel entschieden, dem auch die Bewegungen der Darsteller in der gezirkelten Vorstellung ihrer Figuren entspricht.

Ein Gewinn dieser österreichischen Erstaufführung ist, dass neben der Anleitung zum Nachdenken, der Rührung, die man angesichts der (durchwegs wundervoll charakterisierten) menschlichen „Einzeller“ empfindet, der hinterlistige Humor des „herzerlfressers“ nicht zu kurz kommt.