Deutschlands Osten: Flüchtlingsangst nützt Rechtspopulisten
Magdeburg/Erfurt (APA) - „Früher gab es Armut wegen Arbeitslosigkeit, heute gibt es Armut trotz Arbeit.“ So beschreibt der römisch-katholisc...
Magdeburg/Erfurt (APA) - „Früher gab es Armut wegen Arbeitslosigkeit, heute gibt es Armut trotz Arbeit.“ So beschreibt der römisch-katholische Bischof Gerhard Feige von Magdeburg die soziale Lage im Osten Deutschlands. Die schlechte Stimmung nützt den Rechtspopulisten und schadet den Flüchtlingen, sagen Experten.
Bischof Feige findet klare Worte: „Die Armut ist in der Mitte der Gesellschaft, im Mittelstand angekommen.“ Viele Bürger seien Sozialhilfeempfänger, „verbittert, verärgert“. Viele Kinder hätten noch nie einen Familienangehörigen erlebt, der arbeiten gehe. Der Kirchenmann zieht den Schluss: Die Flüchtlingsproblematik sei „nur der Katalysator“ für diese Stimmungslage von Frust und Ängsten, die in Aggression münde. Die Solidarität schwinde, die Abwanderung gebe Anlass zur Sorge.
Dabei gibt es in den deutschen Ost-Bundesländern nur wenige Migranten und Flüchtlinge. Die Masse landete im Westen Deutschlands. Dennoch reagierten die Ostdeutschen „abwehrend“, erläutert die Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) für das Reformationsjubiläum, Margot Käßmann, befragt nach dem Erstarken der rechten Pegida-Bewegung: „Die Ängste im Osten sind groß.“ Was man nicht kenne, fürchte man am meisten. Die rechtspopulistische AfD schlug sich bei der Wahl in Sachsen-Anhalt sehr erfolgreich, ist Nummer zwei hinter der CDU.
Hier sind die Kirchen gefordert. In der Flüchtlings-Causa hatten sie sich nach den Worten Käßmanns „glasklar positioniert“. Die Kirchengemeinden, die ohnedies nur einen geringen Anteil der Bürger - maximal 15 Prozent insgesamt, Protestanten und Katholiken zusammen - umfassen, „lebten den anderen ihr Engagement für die Flüchtlinge vor“. Käßmann: „Griechen und Italiener mit den Flüchtlingen allein zu lassen ist nicht christlich.“ Hier kämen die Kirchen ins Spiel, durch Leistung von Nothilfe, aber auch durch die Schaffung von Begegnungsstätten.
Bischof Feige sieht dies ähnlich. So habe die katholische Kirche in Magdeburg mit der Caritas ein interkulturelles Zentrum und ein „Refugium“ für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge eingerichtet. Beratungsdienste in Kooperation mit der Landesregierung beschäftigten Mitarbeiter verschiedener Kirchen ebenso wie Konfessionslose. Diese machen im Landesschnitt 80 Prozent aus.
Superintendent Christian Beuchel in Wittenberg verweist auf die gesellschaftspolitische Entwicklung im früheren DDR-Gebiet. Der SED-Staat „war kleinbürgerlich“, nach der Wende war Öffnung angesagt. „Das spaltet die Gesellschaft.“ Der Aktionismus der Pegida verschone auch die Kirchengemeinden nicht: „In einigen gibt es Anhänger.“ Generell engagierten sich Christen politisch mehr als andere Bürger der Ex-DDR. Dies gelte für die kommunale wie für die Landesebene. Nicht zu vergessen, dass Bundespräsident Joachim Gauck Pastor war und Bundeskanzlerin Angela Merkel als Pastorentochter aufwuchs.
Die evangelische Bischöfin von Wittenberg, Ilse Junkermann, sieht ihre Kirche in einer „angestrengten“ Situation. „Die Evangelischen waren hier immer Staatskirche, das heißt auch an die Obrigkeit gebunden“, ergo auch für den Nationalsozialismus anfällig. Dann leistete die DDR-Ära ganze Arbeit: „Bis heute wissen viele Bürger nicht, was Kirche ist.“ Superintendent Beuchel bedauert, dass bis in die DDR-Zeit hinein „die Arbeiterschaft nicht von der Kirche aufgefangen wurde“. Es gebe großen Nachholbedarf.
Bis zur Wende waren 70 Prozent der Ostdeutschen evangelisch. Dann sank die Mitgliederzahl der Kirchen drastisch, nicht zuletzt wegen der Kirchensteuer, führt Elke Harjes-Ecker aus, die in der thüringischen Landesregierung für Kunst und Kultur verantwortlich ist. Viele Pfarrer seien in die Politik gegangen, auch in Thüringen. Nach der Wende kamen etwa 50 Prozent der Beamten aus dem Westen. Ostdeutsche Juristen mussten für ihre Anerkennung Zusatzstudien absolvieren.
Nach 1945 siedelten sich rund 600.000 Menschen aus Schlesien und anderen Ostgebieten in Deutschland an. In der DDR-Ära kamen Studenten aus KP-Ländern, wie Libyen, Algerien, Kuba, Vietnam, die aber isoliert von den Einheimischen lebten. Die Zahl anerkannter Flüchtlinge beträgt in Thüringen nur etwa 9.000. Harjes-Ecker: „Jeder zweite Flüchtling verlässt Thüringen wieder.“ Sie konstatiert „eine große Fremdenfeindlichkeit. Die Ängste sind dort am größten, wo es wenige Ausländer gibt“. Bärbel Gröngres vom Tourismusamt ergänzt: „Im Vergleich zu westdeutschen Städten ist die Belastung (durch Flüchtlinge) minimal“.
Wie stark Ausländerfragen dennoch thematisiert werden, zeigen Berichte der „Mitteldeutschen Zeitung“. Die jüngsten Bombenexplosionen vor einer Moschee und dem Kongresszentrum in Dresden wurden mit dem Tag der Deutschen Einheit in Verbindung gebracht. Sie ereigneten sich kurz nach einem Pegida-Aufmarsch in Dresden. Rechtsterrorismus werde verharmlost, konterte die Linke in Thüringen. Kürzlich berichtete das regionale Blatt über einen schwunghaften „Handel mit Terminen im Ausländeramt“.
Im Ökumenischen Kloster Volkenroda unweit von Erfurt, das von der Jesus-Gemeinschaft geführt wird, heißt es: „Wir zeigen Flagge.“ Bei ausländerfeindlichen Demos trete man mit Gegenprotesten in Erscheinung. Das ehemalige Zisterzienserkloster hat 34 aktive Mitglieder, darunter Einzelpersonen und Familien. Es bietet Einkehrtage und verzeichnet jährlich rund 20.000 Nächtigungen.
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