TT-Interview

Tabassomi: „Ein Manifest fürs Fragezeichen“

Die Landes-Galerie im Taxispalais verfügt über eine Ausstellungsfläche von 500 Quadratmetern.
© Spiluttini

Weniger Ausstellungen, mehr Diskurs: Nina Tabassomi, designierte Leiterin der Galerie im Taxispalais, im Gespräch über ihre Vorhaben und Pläne.

Innsbruck – Mitte September wurde Nina Tabassomi zur neuen künstlerischen Leiterin und Geschäftsführerin der Galerie im Taxispalais gekürt, antreten wird sie am 1. Jänner 2017. Noch bis Ende des Jahres zeichnet die gebürtige Berlinerin für das Ausstellungsprogramm des New Yorker „Ludlow 38“ verantwortlich – eine Einrichtung des Goethe Instituts, für die jährlich wechselnde Kuratoren-Residenzen vergeben werden. Zuvor war Tabassomi am Fridericianum Kassel tätig, wohin sie dessen neuer Direktorin Susanne Pfeffer im Jahr 2013 von Kunst-Werken Berlin gefolgt war.

In Innsbruck übernimmt Tabassomi nun erstmals selbst die Leitung einer Einrichtung, die TT sprach mit ihr über ihre Pläne für die Galerie im Taxispalais.

Was hat Sie an der Galerie im Taxispalais gereizt?

Nina Tabassomi: Ich glaube das Bezwingende an der Galerie im Taxispalais ist – und das zeigt das Programm der vorgängigen Leitungen – dass eigentlich alles möglich ist: sowohl die Nachwuchsförderung als auch große etablierte Positionen zu zeigen, Gruppenausstellungen zu Fragestellungen, die sich gerade aktuell in der Kunst ergeben und auch mit größeren Fragestellungen, die außerhalb der Kunst liegen, zusammenhängen. Und das reizt mich sehr. Dementsprechend habe ich auch ein Programm vorgeschlagen, das allen diesen Möglichkeiten Rechnung trägt. Auch finde ich, dass der Zeitrahmen von mindestens fünf Jahren dazu einlädt, langfristige Projekte zu konzipieren, die sich in verschiedenen Kapiteln über die Jahre entfalten.

„Was mir vorschwebt, ist ein Ort für kritische Zeitgenossenschaft“: Nina Tabassomi übernimmt am 1. Jänner die Leitung der Taxisgalerie.
© Uno Nam

Können Sie Konkretes über dieses Programm sagen? Was und wen möchten Sie in Innsbruck gerne zeigen?

Tabassomi: Ich bin bereits mit einigen Künstlerinnen und Künstlern im Gespräch, aber was mein konkretes Programm betrifft, das ich ja zunächst aus der Außenperspektive heraus für das Taxispalais entwickelt habe, möchte ich mir jetzt zuerst die Zeit nehmen, es vor Ort genau zu überprüfen, um zu sehen, ob ich das genau so umsetzen möchte oder was daran noch zu ändern ist, damit es speziell hier Sinn macht. Und Sie werden in den unterschiedlichen Formaten auch das regionale Kunstschaffen wiederfinden – diesen institutionellen Auftrag werde ich ebenfalls ernst nehmen.

Welche Medien, welche künstlerischen Strategien in­teressieren Sie?

Tabassomi: Ich glaube nicht, dass es das eine Medium gibt, das unsere Zeit am besten reflektieren kann. Meiner Ausstellungshistorie können sie entnehmen, dass ich einen gewissen Hang zu Videopositionen habe, aber auch alle anderen Medien ausgestellt habe und sie alle gleichermaßen für wichtige Austragungsorte von Kunst halte. Was ich als zentral erachte, ist ein gewisses Maß an Selbstreflexivität. Mich interessieren Positionen, die sich auch fragen, welche Funktion hat das Medium in unserer Gesellschaft heute und worin liegt die künstlerische Notwendigkeit, darin zu sprechen? Wir erleben, um ein Beispiel zu nennen, gerade wieder eine Öffnung hin zum Perfomativen in der bildenden Kunst, das auch in der Kunst der 60er- und 70er-Jahre sehr wichtig war. Die Performance-Kultur hat sich seither aber auch in der außerkünstlerischen Gesellschaft radikal verändert. Es kann heute in der Kunst also weder um Virtuosität, um die perfekte Performance noch um das Ausloten der eigenen Körpergrenzen gehen, weil wir das ja schon alle jeden Tag in unserem Job und Leben tun müssen: glaubhaft performen.

Sie haben Theaterwissenschaft, Neuere Deutsche Literatur und Französische Philologie studiert. Nicht unbedingt der klassische Weg zum Kuratorenberuf.

Tabassomi: Das große Potenzial künstlerischer Sprachen im Allgemeinen sehe ich in ihrem Vermögen begründet, Fragen anders zu stellen und zu formulieren, als wir das in außerkünstlerischen Sprachen können. Das haben Theater, Literatur, Bildende Kunst und Musik gemeinsam. Insofern habe ich mich nicht weit wegbewegt von meiner Ausbildung. Ich denke aber, dass die Tatsache, dass ich mich nicht vor, sondern nach dem Studium für das Medium Ausstellung entschieden habe, dazu geführt hat, dass ich sehr genau weiß, was mich an diesem Format interessiert und welchen Spielraum ich darin nutzen möchte. Andererseits betrachte ich Ausstellungen auch als theatrale Dramaturgien, die im Zusammenspiel mit den sich durch sie hindurchbewegenden Besucherinnen und Besucher entstehen – und überlege sehr genau, wie sie sich im Raum entfalten.

Die Galerie also als Ort, an dem auch gesellschaftliche Fragen verhandelt werden?

Tabassomi: Was mir vorschwebt ist ein Ort für kritische Zeitgenossenschaft, an dem wir uns gemeinsam austauschen, diskutieren können, und zwar aus der Kunst heraus und mit der Kunst, die ich als Kuratorin als sehr elementaren Diskussionsmotor ansehe. Auch möchte ich das Ausstellungsprogramm um ein Diskursprogramm erweitern. Im Taxispalais möchte ich mit Künstlerinnen und Künstlern, anderen Denkerinnen und Denkern, meinem Team und unseren Gästen an einem Manifest fürs Fragezeichen arbeiten.

Solche Zusatzprogramme kosten aber auch.

Tabassomi: Es ist ein großes Privileg, überhaupt ein Ausstellungsbudget in diesem Rahmen zur Verfügung zu haben. Gleichzeitig weiß ich, dass Diskursprogramme sehr kostenintensiv sind. Deswegen fange ich auch gerade an zu überlegen, wen man da noch ins Boot holen könnte, wo man zusätzliche Förderungen herkriegen könnte. Ich habe aber auch, weil ich ein umfangreiches Diskurs- und Vermittlungsprogramm als sehr wichtigen Pfeiler dieser Institution sehe, angekündigt, dass ich den Ausstellungskalender etwas reduzieren werde. Wir werden drei bis vier Ausstellungen im Jahr haben, die dann aber neben der jeweiligen Ausstellung auch komplementäre Programme umfassen. Mir ist durchaus bewusst, dass das Geld kostet, mir ist aber mehr daran gelegen, Dinge präzise und qualitativ zu machen als unglaublich viel zu produzieren.

Die Galerie im Taxispalais trägt den alle zwei Jahre stattfindenden Österreichischen Grafikwettbewerb aus. Wird das auch unter Ihrer Leitung zu bleiben?

Tabassomi: Die Ausstellung für 2017 planen wir gerade bereits, und ich freue mich sehr darauf, weil es eine tolle Möglichkeit ist, diese Arbeiten und die Künstlerinnen und Künstler kennen zu lernen.

Das Gespräch führte Ivona Jelcic