200 Jahre Inflation: Viel auf und ab und zwei Mal Hyperinflation

Im Ernstfall griff Politik auf die Notenpresse zu. Es gab im Laufe der Geschichte starke Schwankungen mit häufigen Phasen der Deflation.

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© Keystone

Wien – Die ersten hundert Jahre in der Geschichte der Nationalbank brachten regelmäßige Wechsel zwischen Inflation und Deflation, in Summe blieb das Preisniveau ziemlich stabil. Nach dem beiden Weltkriegen lief die Teuerung aus dem Ruder, in der großen Depression 1922 sogar in eine Hyperinflation mit 3.000 Prozent. Erst seit den 1950er Jahren steigen die Preise „verlässlich“ Jahr für Jahr.

Kein Zufall, schreibt die Nationalbank in einer Analyse, denn in diesen zwei Jahrhunderten hat sich das ökonomische Denken stark gewandelt. Im 19. Jahrhundert war die Geldmenge an die Silber- oder Goldbestände gebunden. In den 1950er und 1960er-Jahren glaubte man an einen Abtausch zwischen Beschäftigung und Preisstabilität - erst seit den 1980er-Jahren rückte die Preisstabilität in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Und nun gilt eine leichte Inflation - knapp unter zwei Prozent - als ideale Preisentwicklung.

Wechselspiel Inflation und Deflation

In den ersten hundert Jahren der Nationalbank schwankte die Teuerung zwischen zehnprozentiger Inflation und fast gleich starken Deflationsraten. Ernteausfälle, Kriegsfinanzierung und der „Gründerzeitboom“ vor dem Börsenkrach 1873 führten zu Inflationsperioden, im Jahrzehnt nach dem Ende der Napoleonischen Kriege und in den zwei Jahrzehnten nach dem Börsenkrach von 1873 gab es Deflation. „In Summe glichen sich Inflations- und Deflationsentwicklungen einigermaßen aus, weshalb das Verbraucherpreisniveau langfristig recht stabil war“, schreibt die Nationalbank über dieses Jahrhundert.

Dabei hat eine Ausweitung der Geldmenge nicht immer zu Inflation geführt. Vor 1867 war die Korrelation zwischen dem Wachstum des Geldumlaufs und der Inflation relativ hoch. Danach war sie bis 1913 relativ niedrig. Möglicherweise wirkte sich das überschüssige Geld zum Teil in den Vermögenspreisen statt in den Verbraucherpreisen aus, meint die Nationalbank.

Der Weg in die Hyperinflation

Dann kam der Erste Weltkrieg, in dem zunächst das Produktionspotenzial zerstört, und zugleich die Geldmenge zur Deckung der Kriegskosten erhöht und die Deckung mit Goldbeständen aufgegeben wurden. Von 1914 bis 1918 erhöhte sich der Banknotenumlauf um das Zwölffache. Die Inflation stieg im Krieg auf 84 Prozent, sodass das Verbraucherpreisniveau 1918 elfmal höher als 1914. Da die Notenpresse nach dem Krieg nicht stillstand, stieg die Inflation bis 1921 auf 205 Prozent und geriet 1922 mit 2.877 Prozent endgültig außer Kontrolle. Die Verbraucherpreise stiegen von 1914 bis 1924 fast um das 14.000-fache. Erst ein Völkerbund-Kredit und eine Währungsreform brachten die Entwicklung zum Stillstand.

„Bemerkenswert war, dass die Notenbankleitung im Bewusstsein der zu erwartenden mittelfristigen Konsequenzen ihres Kurses auf die Hyperinflation zusteuerte, da sie vor den befürchteten kurzfristigen sozialen und politischen Folgen einer inflationseindämmenden Politik zurückschreckte“ heißt es in der hauseigenen Analyse.

Bis zum Anschluss führte dann die sehr restriktive Geldpolitik zu fallenden Preisen. Aber auch nach der Liquidation der OeNB und der Einführung der Reichsmark fielen die Preise bis zum zweiten Weltkrieg weiter.

Ende des Bretton-Woods-System

Der Zweite Weltkrieg brachte wie der Erste einen starken Rückgang der Produktionskapazitäten („Potenzialoutput“) und einen massiven Anstieg der Geldmenge. Der verhängte Preisstopp verhinderte trotzdem Inflation, die Teuerung lag zwischen 1940 und 1944 nur bei 1,2 Prozent. Trotz drastischer Maßnahmen zur Abschöpfung des Geldüberhangs gab es auch danach aber wegen des Mangels an Gütern und Nahrungsmitteln sowie des anhaltend hohen Geldüberhangs einen starken Inflationsschub. 1947 lag die Inflationsrate bei 97 Prozent. Sie konnte aber schon in den Jahren bis 1952 auf 20 Prozent gebremst werden und nach der Schaffung der unabhängigen modernen Nationalbank (1955) fiel sie bis 1971 auf eine Größenordnung zwischen 2 und 4 Prozent.

Mit dem Ende des Bretton-Woods-Systems im Jahr 1971 und dem ersten Ölpreisschock 1974 kam es zu einem massiven Inflationsschub auf bis zu 9,5 Prozent (1974). Der zweite Ölpreisschock ließ nach einem deutlichen Rückgang die Teuerungsrate wieder auf sechs Prozent steigen.

Damals tauchte erstmals Inflation Hand in Hand mit Rezession auf. Bis zum EU-Beitritt lag die Inflationsrate dann etwas über drei Prozent, die Schwankungen gingen zurück. In den ersten Jahren als EU-Mitglied lag sie unter zwei Prozent, vor allem weil der Wettbewerb zunahm und der Druck groß war, die Maastricht-Kriterien zu erfüllen. Die letzten gut zwei Jahrzehnte schließlich seit Österreichs Beitritt zur EU und zur Wirtschafts-und Währungsunion stellen - auch in der sehr langfristigen Perspektive der 200-jährigen Geschichte der OeNB - für Österreich eine Phase sehr hoher Geldwertstabilität dar.

Staatlicher Finanzbedarf wog häufiger schwerer als Geldwertstabilität

In Summe schließt die Nationalbank aus 200-jähriger Erfahrung: Auch wenn eine nationale Notenbank unabhängig ist und sich alle einig sind, dass Geldwertstabilität wichtig wäre, schützt dies im Ernstfall nicht vor einem Zugriff auf die Notenpresse: „In der kurzen Frist wog der staatliche Finanzbedarf allerdings oft schwerer als das Streben nach Geldwertstabilität.“ Im Gegensatz dazu „scheint die Erfahrung der Oesterreichischungarischen Bank dafür zu sprechen, dass eine ‚supranationale‘ Notenbank in einer Währungsunion mehrerer Staaten die Zentralbankunabhängigkeit de facto stärken kann“.

Bretton-Woods-System

Und gerade die Hyperinflationen und deren nachfolgende Eindämmung durch Währungsreformen waren mit hohen Kosten für breite, davon betroffene Bevölkerungsschichten verbunden und erschütterten wiederholt und lang andauernd das öffentliche Vertrauen in das Geldwesen und die staatliche Ordnung. (APA)


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