Der mühsame Umgang mit der Befreiung
Vom Tag der Niederlage zur Befreiung von der Barbarei. Die Geschichte des Befreiungsdenkmals am Landhausplatz ist auch eine Geschichte des politischen Katholizismus und der Opferthese.
Von Horst Schreiber
Am 3. Mai 1945 zogen US-Truppen in Innsbruck ein, im Juli 1945 lösten französische Einheiten die Streitkräfte der USA als Besatzungsmacht in Tirol ab. Die neue Militärregierung regte den Bau eines Denkmals an, das an den Widerstand Einheimischer und an die gefallenen alliierten Soldaten erinnern sollte. Der Standort gegenüber dem Landhaus am heutigen Eduard-Wallnöfer-Platz in Innsbruck war bewusst gewählt. 1938/39 hatten die Nationalsozialisten ein Gauhaus errichtet, in dem die Behörden und Dienststellen von Staat und Partei ihren Platz fanden. Von hier aus betrieben sie — neben der Gestapo — ihre terroristische und menschenverachtende Politik. Für die französische Militärregierung war das Landhaus als ehemaliges Gauhaus ein Symbol der NS-Gewaltherrschaft.
Christliche Symbolik
Mit dem Bau des Denkmals (Monument du Landhaus) „in Form eines Siegestores, zu Ehren der für die Freiheit Tirols Gefallenen" wollte sie ein Gegengewicht zur Monumentalität des ehemaligen Gauhauses schaffen und das Landhaus von der Erinnerung an die Nationalsozialisten befreien. Der französische Architekt Jean Pascaud war für das Gesamtkonzept verantwortlich, bei der Ausgestaltung des Denkmals hatte die Tiroler Seite weitgehende Mitsprache. Sie sorgte für eine christliche Symbolik und Tirol-patriotische Zeichensetzung. Schlossermeister Anton Fritz, späterer ÖVP-Stadtrat, führte nach den Plänen des Innsbrucker Bildhauers Emmerich Kerle die Arbeiten am knapp 3,5 m hohen Tiroler Adler aus, der seitdem auf dem Denkmal thront. Fritz war es auch, der die Gitter zwischen den Pfeilern des Denkmals entwarf, indem er die Wappen der neun Bundesländer Österreichs in Kreuzform anordnete.
Graf Oswald Trapp, Landeskonservator von 1933 bis 1959, setzte sich bei der Textierung am Denkmal durch. Sie ist daher nicht wie geplant auf Deutsch, sondern auf Latein: PRO LIBERTATE AUSTRIAE MORTUIS (Den für die Freiheit Österreichs Gestorbenen). Die Symbolik des Befreiungsdenkmals mit den Wappen der Bundesländer war ein Appell, Österreich als souveränen Staat wiederherzustellen. Als Initiator des Denkmals trat Frankreich indirekt als Österreichs Fürsprecher gegenüber den anderen Alliierten auf und betonte seine Präsenz in Tirol, ohne sich und seine Armee zu glorifizieren. Dass der Widerstand gegen den Nationalsozialismus unter das Zeichen des christlichen Kreuzes gestellt wurde, entsprach dem damaligen Verständnis der Tiroler Politik.
Die Linke, die viele Opfer zu beklagen hatte, sah sich ausgegrenzt. Ihr Verhältnis zur Kirche war unmittelbar nach dem Krieg in Erinnerung an den politischen Katholizismus vor 1938 ausgesprochen schlecht. Der Versuch, sich aller Opfer unter christlichem Vorzeichen zu bemächtigen und das Gedenken zu katholisieren, war in der Nachkriegszeit keine Besonderheit Tirols. So gab es Pläne, das Konzentrationslager Mauthausen zu schleifen und an seine Stelle ein monumentales, leuchtendes Kreuz zu errichten. Auf diese Weise sollte die Kirche als Trägerin des Widerstands gegen den Nationalsozialismus dargestellt und das katholische Österreich insgesamt zum Opfer erklärt werden. Es ging um eine Nationswerdung im Sinne von Opferthese und Rekatholisierung des Landes. Die Ursache für den Aufstieg des Nationalsozialismus wurde im konservativen Lager vielfach im Abfall der Menschen vom christlichen Glauben gesehen.
Das „Franzosendenkmal"
Das Denkmal stieß aus anderen Gründen auf breite Kritik in der Tiroler Öffentlichkeit. Die meisten Tirolerinnen und Tiroler waren froh, dass der Krieg zu Ende war. Viele hatten dennoch das Gefühl, ihn verloren zu haben, und sahen in den ersten Nachkriegsjahren die Alliierten weniger als Befreier vom Joch des Naziterrors denn als Besatzungsmacht, die sie einschränkte.
Die Mehrheit der Bevölkerung empfand das Denkmal daher nicht als Geschenk Frankreichs zur Ehrung all jener, die ihr Leben für ein freies Österreich geopfert hatten. Es galt im Volksmund abwertend als Franzosendenkmal, als Denkmal der Schande, das an die französische Besatzung erinnern würde. Dazu kam die Umdeutung der NS-Zeit: Der Nationalsozialismus wurde interpretiert als Fremdherrschaft „preußischer Eindringlinge" ohne nennenswerte Beteiligung Einheimischer. Nur einige wenige „Verführte" hätten mitgemacht. Ab 1948 war die Betonung des Tiroler Widerstands nicht mehr so wichtig.
Mit dem Ausbruch des Kalten Krieges hatte sich die weltpolitische Lage verändert, Antikommunismus hatte Vorrang gegenüber Antifaschismus. Ein Gedenken an den Widerstand und die Opfer des Nationalsozialismus hätte die Konfliktlinien in der Gesellschaft zwischen ehemaligen Anhängern und Gegnern des NS-Regimes stärker aufbrechen lassen. Die dominante Erinnerungskultur waren die Kriegerdenkmäler, die alle Soldaten als Opfer des Krieges unter Ausblendung des Nationalsozialismus rehabilitierten. Das Befreiungsdenkmal wurde bereits zum Zeitpunkt seiner Fertigstellung als nicht mehr zeitgemäß angesehen.
Daher wurde es weder am 8. Mai 1948 noch zu einem späteren Zeitpunkt offiziell eingeweiht. Innsbrucks Bürgermeister Anton Melzer konnte sich nur noch eine Feier zu Allerheiligen in Form eines Totengedenkens vorstellen. Noch besser war seiner Meinung nach eine Verschiebung der Eröffnungszeremonie bis zum Abschluss des Staatsvertrages.
Die französische Seite hielt es zwar für möglich, dass im Vorschlag des Bürgermeisters „eine gewisse Bosheit" enthalten war, sie stimmte aber schließlich Melzers Vorschlag zu: Die Tiroler Bevölkerung sollte das Denkmal annehmen können.
2011 gestaltete die ARGE LAAC/Stiefel Kramer/Christopher Gru?ner den Eduard-Wallnöfer-Platz um, Grüner schärfte die Botschaft des Befreiungsdenkmals. Auf den beiden Schmalseiten sind unter der deutschsprachigen Version des lateinischen Textes („Den für die Freiheit Österreichs Gestorbenen") nun die Namen jener Tiroler Frauen und Männer zu lesen, die wegen ihres Widerstands gegen den Nationalsozialismus ums Leben kamen.
Indem sie als konkret benennbare Menschen dem Vergessen entrissen werden, treten sie ins kollektive Gedächtnis und in die Erinnerungskultur Tirols ein. Ein weiterer Eingriff ermöglicht zwei verschiedene Sichtweisen auf das Denkmal: Durch die Öffnung der Gittertore bezieht es alle Gruppen des Widerstands mit ein, unabhängig von ihrer politischen und religiösen Haltung. Schließt man die Tore, wird die Geschichtsauffassung von 1948 wahrnehmbar, und der christliche Widerstand erhält besonderes Gewicht. In seiner aktuellen Intervention macht Christopher Grüner die Leistung der Alliierten für die Befreiung Österreichs sichtbar. Er ließ die lateinische Inschrift des Denkmals auf Französisch, Englisch und Russisch übersetzen und brachte die neue Textierung an der südlichen Attika an. Sie wird der ursprünglichen Absicht Frankreichs gerecht, an den Widerstand Einheimischer und an die im Kampf gegen Hitler-Deutschland gefallenen alliierten Soldaten zu erinnern.
Der Widerstand in Tirol hatte seine Verdienste, doch die Vernichtung des Nationalsozialismus war das Ergebnis des militärischen Sieges der Alliierten. Mit den Veränderungen am Denkmal setzt Tirol ein klares Zeichen: Der 8. Mai 1945 war nicht ein Tag der Niederlage, sondern der Befreiung von der Barbarei des Nationalsozialismus. Ein Tag, der die Wiedererrichtung von Österreich als demokratischen Rechtsstaat möglich machte.
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