“Le Nozze di Figaro“: Mozarts wundersame Tragikomik
„Die Hochzeit des Figaro“ in stimmungsvoller Neuinszenierung von Dominique Mentha mit Johannes Klumpp am Pult, hervorragend gesungen und musiziert von einem animierten Ensemble.
Von Ursula Strohal
Innsbruck –Im Vorfeld von Dominique Menthas Rückkehr ans Tiroler Landestheater, wo er in den 1990er-Jahren den Aufbruch geübt hatte, gab es Proteste. Sinnbefreit, weil sich die Welt weitergedreht hat, seit vor einem ein Vierteljahrhundert im Theater provoziert und davor der Rosenkranz gebetet wurde, und unsinnig noch vor der „Figaro“-Premiere. Mentha erwies sich mätzchenfrei und mozartnah als gekonnter Übersetzer zeitloser emotionaler Mehrschichtigkeit. Mit ihm der vorzügliche Dirigent Johannes Klumpp, Bühnenbildner Helfried Lauckner, die schwedische Kostümbildnerin Anna Ardelius und ein großartiges Ensemble, Orchester inklusive. Die Aufführung wurde ohne Gegenstimme gefeiert.
Eine Produktion aus einem Guss. Alles spiegelt den Nährboden des von Mozart von platter Typisierung ins zutiefst Menschliche befreiten „Figaro“, einen Nährboden aus Unabwägbarkeit und Geheimnis, Melancholie und Spiellust, Himmelhoch und Abgrund. Meisterpsychologe Mozart erzählt mit scheinbar leichter Hand unglaublich virtuos und mehrschichtig. Lauckner summiert das fantastisch mit einem aufsteigenden Labyrinth, dessen Wände vielfach zu öffnen sind und verschiebbar Innen- und Außenräume ergeben. Ralph Kopps Lichtgestaltung ist nicht nur im nächtlichen Garten wesentlicher Stimmungserzeuger.
Ardelius’ Kostüme sind ein Spiel mit Zeit, Befindlichkeit und Ironie. Rosina, seit wenigen Jahren durch Heirat zur Gräfin geworden und verzweifelt über die Untreue des Gatten, bleibt in Seele, Kleidung und Frisur den gefassten Adelsregeln der Mozartära treu, während ihr Gatte durch die Zeiten pendelt. Mentha zeichnet ihn als leidenden Mann, dem das Herrschen und Lieben nicht gelingt. Sein Anzug entspricht der Konvention, mit den bequemen langen Hosen fällt er aus Zeit und Rolle, mit Sonnenfarben und Versailles-barocken Requisiten versucht er sein Bestes. Alec Avedissian singt den Grafen verhalten und edel, schönstimmig wie die Gattin, Esther Lee mit reizvollem Timbre, Haltung und kleinen Unsicherheiten.
Der Hofstaat sonnt sich in abgestuften Gelbtönen ein wenig mit, grau kommt das Gesinde. Das führende Dienerpaar trägt schwarz und hat knapp vor der Französischen Revolution das 20. Jahrhundert erreicht. Andreas Mattersberger trumpft, offen subversiv, mit durchsetzungsfreudigen Tönen und Intrigen auf, singt eine Arie sogar mitten im Publikum, bevor er an Mutters Schulter heult. Das Publikum feiert den Tiroler Sänger, in der Rolle ist er kein Sympathieträger. Im Gegensatz zu Susanna, diesem Wunder von Opernfigur, die Susanne Langbein, stimmlich rein und natürlich, mit Charme, Tatkraft und raffiniertem Überlebenswillen ausstattet. Die Mollarie gehört, eines von Mozarts Geheimnissen, der aufblühenden Barbarina von Sophia Theodorides. Fehlt in diesem Frauenstück noch Marcellina, heiratsheiß mit Blick auf junge Männer, aber sie trägt schon die Haube der Alternden und im Übrigen, was die Frauen der Revolutionsjahre trugen. Susanna von der Burg macht ein komödiantisches Kabinettstückchen daraus. Zwischen den Frauen und seinen Gefühlen hin- und hergerissen der Amor-Cherubin von Camilla Lehmeier, spielbegabt mit schönem hellen Mezzoklang.
Mentha setzt die Geschichte aus Transparenz und Verschlingung ohne spekulative Elemente mit Geist, Witz und Empathie in Szene. Oft arbeitet er kleingliedrig mit Anspielungen und Details, im ausgedehnten ersten Finale weiß freilich auch er keinen Rat. Was seine Regie auszeichnet, sind die Stimmungen, die er zulässt, der Raum, den er der Musik gibt, die Ensembles und vor allem die Vergegenwärtigung von Mozarts unvergleichlicher Tragikomik. Dirigent Johannes Klumpp ist dafür der Schrittmacher, der das mit verständnisreicher Rhetorik und Stilbewusstsein imposant reagierende Tiroler Symphonieorchester Innsbruck nimmermüde animiert. Er stuft präzise ab, gibt den Figuren, die in den Arien dezent auch verzieren, Leben, fein austarierte Emotion und Temperament und weiß genau um Mozarts instrumentale Kommentare. Da sind in den Rezitativen die am Hammerklavier zu biedere Sumiko Tokushima, Violoncellist Michael Tomasi sowie auf der Bühne auch Johannes Wimmers Bartolo, Joshua Lindsays Basilio, Florian Sterns Don Curzio, Joachim Seipps Antonio, die Hochzeitsgratulantinnen Annina Wachter und Brynne McLeod sowie der präzise, doch zu groß dimensionierte Chor gut aufgehoben.