Okkulte Sehnsüchte und alte Verbrechen

Christian Berger und Virgil Widrich präsentieren heute im Leokino den Film „Die Nacht der 1000 Stunden“.

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Übersinnliche Begegnungen im Geisterhaus: Philip Ullich (Laurence Rupp) mit seiner von Amira Casar gespielten toten Großtante.
© Thimfilm

Innsbruck –Wenn im Kino Häuser zu bluten beginnen, der Schrecken mit Gespenstern oder Poltergeistern einzieht, liegt die Ursache meistens in der dunklen Vergangenheit verborgen. Bauherr oder Architekt haben auf heiligen Stätten gebaut, die Monster rächen sich nur für die Schändung ihrer Gräber.

In Virgil Widrichs „Die Nacht der 1000 Stunden“ ist das Spukhaus von außen nie zu sehen. Selbst die Lage ist nicht eindeutig, nur über Spiegelungen im Fensterglas zu erahnen. Das Haus gehört der Erika Bode (Elisabeth Rath), die ihre Anteile am Familienunternehmen an ihren Neffen Philip Ullich (Laurence Rupp) übergeben möchte, obwohl sie mit ihrem Sohn Jochen (Lukas Miko) über einen Nachkommen verfügt. Doch Jochen ist ein Nazi. Kaum berührt die Füllfeder das Papier, sinkt Erikas Kopf leblos auf den Vertrag. Jochen meldet der Polizei einen Mord, als sich seine Mutter schon wieder munter aufrichtet. Die Ermittlungen sind dennoch nicht mehr aufzuhalten. Ein Polizist mit Pickelhaube (Udo Samel) leitet die Untersuchungen im Namen des Kaisers und eröffnet damit ein nicht unkomisches Kammerspiel über eine Familie, die seit Generationen Intrigen und Verbrechen unter die Teppiche gekehrt hat. Mit dem plötzlichen Auftauchen längst Verstorbener wird aus dem Kammerspiel ein atavistisches Horrorstück. Im Keller lagern Leichenberge, durch die sich der Nazi mit einem Säbel wühlt. Im Haus werden Blutspuren gelegt, die sich wie die kultivierten Familienlegenden als Fälschungen entlarven lassen. Dazu gehören der angebliche Selbstmord der jüdischen Großtante, der Familienpatriarch soll in einer Bombennacht unter Schutt und Asche begraben worden sein.

„Die Nacht der 1000 Stunden“ ist das Sittenbild eines Landes, das sich in okkulten Sehnsüchten verliert. Virgil Widrich ließ sich dramaturgisch von Jean-Claude Carrière beraten, der die schönsten Filme von Luis Bunuel geschrieben hat. Zusammengehalten wird der surreale Albtraum von den Bildern Christian Bergers. Kameramann und Regisseur verbindet auch die Erfahrung einer Oscar-Nominierung. Gemeinsam kommen sie heute zur Tirol-Premiere ihres Films ins Leokino. (p.a.)


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