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Lehrerin versagt Direktor Handschlag

Die muslimische Religionslehrerin der NMS Königsweg in Reutte weigert sich, ihrem Vorgesetzten zur Begrüßung die Hand zu geben – aus religiösen Gründen. Eine Islamgelehrte sieht keine Respektlosigkeit.

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Bei der Begrüßung die Hand geben oder nicht? Für eine streng gläubige Minderheit der Muslime ist der Handschlag der erste Schritt zu einem sexuellen Kontakt. Nur innerfamiliär darf es zu einer Berührung der Hände mit dem anderen Geschlecht kommen.
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Von Helmut Mittermayr

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Reutte –Die Religionslehrerin war neu an der NMS Königsweg in Reutte. Ihr Weg führte sie in die Direktion zu Hanspeter Wagner. Der Pädagoge, er ist auch Bürgermeister von Breitenwang, ist als höflicher Mann mit geschliffenen Umgangsformen bekannt. Direktor Wagner trat auf die Frau zu und reichte ihr freundlich die Hand. Er sollte keine Erwiderung bekommen und musste die ausgestreckte Hand verdutzt wieder einziehen. Die Lehrerin für islamische Religion erklärte ihrem Vorgesetzten, dass sie ihm aus religiösen Gründen den Handschlag verweigere.

Der derart Brüskierte ließ die Angelegenheit nicht auf sich beruhen und informierte die Schulbehörde über den Vorfall. Diese hat sich in dieser Causa aber seit Monaten nicht gerührt. Seither versucht der Direktor, Situationen, in denen es zu formellen Begrüßungen mit der Lehrerin kommen könnte, aus dem Weg zu gehen. Die Frau, die an der NMS Königsweg vier Stunden Religion für muslimische Schüler unterrichtet, ist seit September auch an zwei weiteren Schulen in Reutte tätig. Dort trifft sie aber auf Direktorinnen.

Der Außerferner Pflichtschulinspektorin Edith Müller ist der Fall bekannt. Als Schulaufsichtsbehörde sei sie aber nicht involviert. Sie verweist auf den für Religionsfragen zuständigen Fachinspektor beim Landesschulrat. Wie übrigens auch die islamische Lehrerin aus Reutte, die selbst nichts sagen möchte. Der zuständige Fachinspektor (er war am Donnerstag telefonisch nicht erreichbar) oder gleich die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich könnten antworten, richtete sie per SMS aus.

Edith Müller erklärt weiter, dass sie keine Auskunft geben könne, da es sich um eine systeminterne Angelegenheit handle. Ihre persönliche Ansicht über gesellschaftliche Codes wie Grüßen per Handschlag will sie schon gar nicht bekannt geben. Müller ärgert mehr, dass der Fall überhaupt an die Öffentlichkeit gelangen konnte.

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Üzeyir Karaman, ehemaliger Obmann des Vereines ATIB (Türkisch Islamische Union), in Reutte im Volksmund „die Moschee“ genannt, ist die Händeschüttel-Problematik, bekannt. „Manche Frauen geben aus religiösen Gründen keinem Mann die Hand. Und umgekehrt. Die meisten bei uns tun es aber schon.“ Der Handschlag werde von Strenggläubigen allen verweigert, die nicht „Mahram“ seien, also nicht in einem Verwandtschaftsverhältnis stünden, das eine Heirat für immer ausschließe. Karaman schätzt die Zahl der Frauen im Verein, die jedem die Hand geben, auf 80 Prozent. Die „Nicht-Schüttlerinnen“ seien in der Minderheit.

Der aktuelle Vereinsobmann Bulat Murat weiß, dass diese Frage bei Frauen ab einem Alter von spätestens 15 Jahren schlagend wird. Der Islam schreibe eine gewisse körperliche und emotionale Distanz zwischen Männern und Frauen vor, die nicht verwandt und nicht verheiratet sind. „Aber meine persönliche Meinung ist hier klar. Ich habe mit dem Händeschütteln überhaupt kein Problem.“

Hatice Bayindir, Gattin des Reuttener Imam, ist beim Verein ATIB Gelehrte für Arabisch und Islamauslegung. Sie unterrichtet Frauen und Kinder. Der Prophet selbst habe angeordnet, dass das zwischengeschlechtliche Händeschütteln zu unterbleiben habe. Im Koran sei eine solche Stelle aber nicht zu finden. Bayindir: „Es ist eine persönliche Entscheidung. Manche geben die Hand, andere nicht.“ Sie legt Wert darauf, dass das Gegenüber ja trotzdem gegrüßt werde. Etwa durch Worte oder indem die Hand aufs Herz gelegt werde. Das Nicht-Händeschütteln sei niemals als Respektlosigkeit zu sehen.

In einer schriftlichen Stellungnahme des Landesschulrats für Tirol an die TT wird dargelegt, dass der Fall bekannt sei und es sich bei der betreffenden Religionslehrerin um eine von der Islamischen Religionsgemeinschaft bestellte Lehrperson handle. Die Angelegenheit sei zur weiteren Behandlung an den für den islamischen Religionsunterricht zuständigen Fachinspektor, Samir Redzepovich, mit dem Ersuchen weitergegeben worden, mit der Lehrerin zu klären, dass sie sich an die Gegebenheiten halten solle, die in Österreich üblich sind, um Ressentiments rund um diese Thematik gar nicht erst aufkommen zu lassen. Es liege nun an der Islamischen Religionsgemeinschaft, die nötigen Schritte zu unternehmen – so der Landesschulrat.

Ähnlich gelagerte Fälle im deutschsprachigen Ausland führten in letzter Zeit zu durchaus unterschiedlichen Beurteilungen. In der Schweiz wurden Eltern, deren Buben den Handschlag mit einer Lehrerin verweigerten, mit einer hohen Geldstrafe von 4500 Euro bedroht und das Einbürgerungsverfahren der ganzen Familie gestoppt. In Deutschland wiederum entschuldigte sich eine Schule in Berlin bei einem Imam, weil eine Lehrerin, der er den Handschlag verweigert hatte, das Gespräch abbrach. Man habe niemanden in seiner Religionsfreiheit verletzen wollen, hieß es.


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