Internationale Pressestimmen zu Merkel-Kandidatur 1

Berlin (APA/AFP) - Deutsche Zeitungen kommentieren am Montag die Entscheidung von Kanzlerin Angela Merkel, sich bei der Bundestagswahl im ko...

Berlin (APA/AFP) - Deutsche Zeitungen kommentieren am Montag die Entscheidung von Kanzlerin Angela Merkel, sich bei der Bundestagswahl im kommenden September um eine vierte Amtszeit als Regierungschefin des größten EU-Mitgliedsstaates zu bewerben.

„Der Tagesspiegel“ (Berlin):

„Es wäre ein Witz gewesen, hätte Merkel hingeworfen. So wäre es nämlich in ihrer eigenen Partei empfunden worden. Die CDU ist doch auf sie ausgerichtet wie nie eine Partei zuvor auf irgendjemanden. (... ) Aber wofür will Merkel die Macht haben? Wozu sie behalten? Wohin will sie mit dem Land? (...) Die Aufgabe lautet, den Kurs Deutschlands festzulegen, aber nicht in einer Art Geheimkabinett wie in vorigen Jahrhunderten. Dem Populismus entgegenzutreten, verlangt Fakten, immer wieder Fakten, und Transparenz. Wirklich etabliert ist, wer keine Debatte fürchtet.“

„Die Welt“ (Berlin):

Die Entscheidung, die Angela Merkel spätestens mit Donald Trumps Wahlsieg aus der Hand genommen wurde, ist gefallen. Die Bundeskanzlerin tritt zu einem politischen Gegenangriff an, der immer mehr wie der Ausbruchsversuch aus einem Kessel aussieht. Rund um Deutschland drängen Populisten an die Macht, weil herkömmliche politische Anschauungen, Institutionen und Verfahrensweisen ihren Stellenwert einbüßen. Es geht Merkel um die Stabilisierung der politischen Mitte - einer Mitte, die immer mehr Menschen nicht mehr als Mitte empfinden. Es geht ihr um die Verteidigung der westlichen Werte, die so manche Wähler gar nicht mehr als ihre Werte betrachten. Trump, Putin und Le Pen stellen die westliche Welt auf den Kopf, und den deutschen Wahlkampf auch. Merkel setzt darauf, dass sie trotz der Flüchtlingskrise den Satz „Keine Experimente“ verkörpert. Sie will Kohls Kraftakt von 1989/90 wiederholen, diesmal in der Weltpolitik. Und glaubt, trotz aller Skepsis, dass sie das schafft.

„Stuttgarter Zeitung“:

Unter den schwächelnden Partnern erscheint Merkel noch am stärksten. In einer Europäischen Union, die mehr von Zentrifugalkräften als vom Zusammenhalt beherrscht wird, mag Merkels Dauerkanzlerschaft wie ein Hort der Stabilität wirken. Doch gerade in Europa will keiner, dass Deutschland sich als Großmacht aufführt. Dazu fehlten sowohl finanzielle Mittel als auch militärische Stärke - und nicht zuletzt politischer Rückhalt in der Heimat.

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„Frankfurter Rundschau“:

„Politische Alternativen zu Merkels Austeritätspolitik in Europa, zur Verweigerung einer gerechteren Steuerpolitik, zur einseitigen Belastung der Versicherten in den Sozialsystemen, zur halbherzigen Energiewende und zu vielem anderen gäbe es ja durchaus. Sie haben nur, weil von keiner starken politischen Kraft konsequent betrieben, so gut wie keine Chance. Das treibt den Rechten viele der Enttäuschten in die Arme, und deshalb ist es unglaubwürdig, Merkel zum Bollwerk gegen rechts zu stilisieren.“

„General-Anzeiger“ (Bonn):

„Angela Merkel hat nüchtern kalkuliert. Die Voraussetzungen für einen Erfolg sind in der Tat günstig. Es ist ihr gelungen, die Flüchtlingskrise weitgehend in den Griff zu bekommen. Der ungebremste Zustrom ist gestoppt. Europa hat sich darauf verständigt, sich nicht zu verständigen. Das diskutiert Merkel derzeit nicht weiter. Die Grenzsicherung im Süden und Osten der Europäischen Union funktioniert lückenhaft, aber ausreichend. Von dauerhaften Lösungen ist man zwar immer noch weit entfernt. Auf der Grundlage der vielen Kompromisse fühlt sich Merkel aber offenbar sicher genug. Die Ruhe an dieser Stelle raubt der AfD eine wesentliche Voraussetzung für ihren Erfolg.“


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