Mit Agrar-Basics gegen Hunger - Blähbäuche in Mfuto sind Geschichte

Vwawa (APA) - Neun Jahre ist es her, da hatten die Kinder im Dorf Mfuto im Westen von Tansania aufgeblähte Hungerbäuche. Ihre schwarzen Haar...

Vwawa (APA) - Neun Jahre ist es her, da hatten die Kinder im Dorf Mfuto im Westen von Tansania aufgeblähte Hungerbäuche. Ihre schwarzen Haare wurden hell, fielen sogar aus. „Die Mangelernährung war deutlich sichtbar“, bringt es die langjährige Entwicklungshelferin Edith Schnitzer auf den Punkt. Ein Projekt, das mit Spendengeldern der Sternsingeraktion in Österreich unterstützt wird, hat die Krankheitsursachen beseitigt.

Schon seit Jahrzehnten ist das Actions for Development Programmes (ADP) in der Region aktiv, weil es dort „ein Hungerproblem“ gab, erklärt der Direktor der von Österreich aus unterstützten Organisation, Victor El-Nshau. Obwohl die Gegend als Kornkammer Tansanias gilt: In den niedrig gelegenen, trockenen Gebieten gab es zu wenig zu essen, und die Ernährung der Menschen war auch einseitig. Mangelerkrankungen waren die Folge.

„Der Ertrag bei Mais, Hirse und Bohnen war sehr gering“, schildert ADP-Leiter El-Nshau die Ausgangslage, als er und seine Mitarbeiter 2007 erstmals nach Mfuto und andere Dörfer im Bezirk Myunga kamen. Ziel war es zunächst, dass die Kleinbauern ihren Eigenbedarf decken. ADP ist dabei keine Geldverteilungsmaschine, es kauft auch keine Geräte an. Die Hilfe basiert auf der Weitergabe von Wissen über verbesserte landwirtschaftliche Techniken, die keinen großen Aufwand an Mitteln brauchen.

So hat allein immens geholfen, dass die Bauern den Samen des - in Tansania weißen - Kukuruz nicht mehr einfach auf eine Weise, wie sie aus europäischer Sicht „mittelalterlich“ erscheint, breit und ungenau per Hand über die Äcker ausstreuen. Benard Sichula hat als von ADP ausgebildeter Trainer anderen Kleinbauern beigebracht, die Körner in Reihen und gutem Abstand zu einander auszubringen. „Wir haben auch Wissen bei der Bestellung, der Bepflanzung, der Unkrautbekämpfung, der Ernteeinbringung und Lagerung bekommen, das wir weitergegeben haben“, erläutert der 38-Jährige.

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Kwini Sikaluzwe, Frau des Bürgermeisters von Mfuto, deren Familie ebenfalls vom Training profitiert hat, liefert Zahlen: „Vor dem Projekt haben wir drei Einhundert-Kilo-Säcke Mais pro Acre (knapp 2,5 Hektar) geerntet nun sind es 15, 16 Säcke.“ Früher ist es vorgekommen, dass das Ehepaar Sikaluzwe und seine vier Kinder ab Oktober monatelang nicht genug zu essen hatten, bis im April die nächste Ernte kam. Bis dahin hieß es Tagelöhner sein, für Essen bei Bauern arbeiten, die ausreichend Vorräte hatten.

Den Mangelerkrankungen in Mfuto den Garaus gemacht hat auch, dass ADP die Bewohner in Sachen Ernährung beraten hat: Dorfbewohnerin Marieta Nakambe legte als Instruktorin mit den Frauen eingezäunte Privatgärten für Gemüse an und pflanzte neue Mango- und Papayabäume. Sie brachte auch das Rezept für ein nahrhaftes „Kindermehl“ mit. Statt des herkömmlichen Ugali, einer Art Polenta rein aus Mais, erhielten die Kleinen eine Mixtur aus Mais-, Soja-, Reismehl und geriebenen Nüssen die mehr und eine größere Vielfalt an Eiweißen beinhaltet.

Für Hunger in Tansania ist aber nicht nur Trockenheit und durch den Klimawandel verstärkte Wetterextreme oder fehlendes Know-How verantwortlich - es gibt auch gesellschaftliche Gründe. Während die Frau den Großteil der schweren Feldarbeit neben Kochen, Haushalt und Kindererziehung erledigt, verfügt der Mann traditionell darüber, was mit der Ernte passiert. Viele Männer in Mfuto und Umgebung verkauften in der Vergangenheit einen Teil der ohnedies schmalen Vorräte, ohne zu wissen, ob sich dann die Versorgung der eigenen Familie noch ausgeht. Oft schafften die Männer mit dem Verkaufserlös keine lebensnotwendigen Dinge an, sondern gaben alles Geld in der Stadt für Alkohol und Prostituierte aus.

Auch hier setzte ADP an. Den Familien wurde beigebracht, zu kalkulieren, wie viel einer Ernte behalten werden muss und wie viel verkauft werden kann, damit sie bis zur nächsten Ernte ohne Engpässe über die Runden kommen. Auch so wurde der Hunger beseitigt. Zudem wurde den Dorfbewohnern vermittelt, die Verantwortung und Arbeit fairer zwischen Mann und Frau aufzuteilen und Frauen an familiären Entscheidungen zu beteiligen. So gehen heute die Ehepaare gemeinsam aufs Feld, der Mann trägt der Frau die schwere Erdhacke, gemeinsam sammelt man Feuerholz. „Das hat die häuslichen Konflikte stark reduziert“, betonte die ADP-Gender-Beauftragte Elisabeth Nakaonge.

Die Entwicklungshilfe durch ADP, die allein im Bezirk Myunga Tausende Haushalte erreicht hat, verbesserte die Lebenssituation der Kleinbauern auch, indem gelehrt wurde, wie man seinen eigenes Saatgut produziert und sich so den Zukauf von Samen von Agro-Multis erspart oder wie man beim Verkauf der erzielten Überschüsse Mittelsmänner übergeht; ein Netzwerk von Informanten ist über die aktuelle Preislage am Markt in Kenntnis. Das schließt aus, dass die Bauern über den Tisch gezogen werden.

Das Vertrauen, das sich ADP durch den wirtschaftlichen und sozialen Erfolg seiner Projekte erworben hat, erlaubte in einem weiteren Schritt sogar, dass die Organisation ein häufig tabuisiertes Thema anspricht: HIV/AIDS. Die Infektionsrate auf dem tansanischen Festland liegt bei 5,3 Prozent der Bevölkerung. In den Regionen Mbeya und Songwe an den Grenzen zu Sambia und Malawi, wo ADP tätig ist, liegt sie über diesem Durchschnitt. Bedarf zu wissen, wie man sich vor dem Virus schützen kann, ist daher durchaus gegeben - stehen doch Medikamente, die in Europa vorhanden sind, kaum zur Verfügung.

Am Ende der langen Trockenzeit im Oktober bläst der Wind den Kindern in Mfuto den Sandstaub ins Gesicht. Was die Kleinen am Körper tragen, wenn sie spielend und lachend durchs Dorf laufen, sieht oft eher wie Lumpen aus als Gewand. Sie sind materiell arm, Hungerbäuche haben sie aber keine mehr.

(I N T E R N E T: http://www.adpmbozi.or.tz/; http://www.dka.at/home/)


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