„Kudlich“: Revolutionäre Assoziationsdiarrhö im Wiener Schauspielhaus

Wien (APA) - Das gedankliche Assoziationsfeuerwerk des postmodernen Intellektuellen in postideologischen Umbruchszeiten: Diese haltungslose ...

Wien (APA) - Das gedankliche Assoziationsfeuerwerk des postmodernen Intellektuellen in postideologischen Umbruchszeiten: Diese haltungslose Desorientierung stellt den Kern von Thomas Köcks neuem Werk „Kudlich - eine anachronistische Puppenschlacht“ dar, das am Freitag im Wiener Schauspielhaus Uraufführung gefeiert hat. Vom Revolutionsjahr 1848 bis zur ideologiefreien Angst der Gegenwart führt der Parforceritt.

Im Frühjahr hatte „Strotter“ des 1986 geborenen Steyrers Köck die Schauspielhaus-Zuschauer noch zu Akteuren einer Straßenperformance gemacht. Lag damals die Revolution mehr in der Form als im Text, ist dieses Verhältnis bei „Kudlich“ unter der Regie des Slowenen Marco Storman umgekehrt. Der Theaterraum ist zwar wie stets im Schauspielhaus in seinem Kern neu geformt, hier als dreiseitige Arena, in der auch eine ausklappbare, bekletterbare Stierskulptur ihren Platz findet. Der Fokus liegt aber auf der Textvorlage Köcks.

Im posthistorischen Phrasenfeuerwerk wird in einer pausenlosen Kakophonie der Thesen, Gedanken und Querassoziationen die Revolutionsphase 1848, in deren Zentrum „Bauernbefreier“ Hans Kudlich steht, mit aktueller Angstpolitik und Demagogie quergeschnitten und verwoben. Georg Büchner trifft da auf Arabella Kiesbauer, ebenso wie desavouiertes Revolutionspathos auf zynischen Defätismus. Und als diabolischer Conferencier und populistischer Massenverführer schwingt Wenzel Bumsti Hofer samt Assistentin Frauke P. Kickl im NLP-Stakkato das Zepter.

Die Freiheit birgt die Kehrseite der Eigenverantwortung, die von der Leibeigenschaft befreiten Bauern geraten als neue Unternehmer in die Abhängigkeit des entstehenden Raiffeisen-Konglomerats, dessen Giebelkreuz als Monstranz durch die Arena getragen wird. Individuelle Freiheit wird als Fiktion in subtileren Abhängigkeitssystemen entlarvt. Das junge Ensemble erbringt hierbei eine ausnahmslose Glanzleistung an Stimmungs- und Tonalitätswechseln.

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Narration oder eine Rollenidentifikation wird in der Inszenierung jedoch strikt vermieden und bei entsprechender Gefahr im Verzug stets mit dem Wechsel in die Erzählebene („sage ich“, „meint er“) konterkariert. Es dominiert die zeitenübergreifende Assoziationsdiarrhö zwischen Chorpassagen in Einar-Schlee-Manier und Gedankensplittern in langen Monologen. Das schnelle Gruppenstakkato ist Sinnbild für das reflektierende Multitasking, wird zum gedanklich nicht mehr verarbeitbaren Klangerlebnis, in dem der Sinn hinweggehetzt wird.

Insofern stellt Köcks „Kudlich“ das Abbild eines intellektuellen Istzustands zwischen Richtungslosigkeit und postmoderner Mutlosigkeit dar, ohne dabei eine Eigenpositionierung vorzunehmen. Zugleich ist es angesichts des etwas zu lang geratenen Dauerbeschusses an Thesen schade um Köcks Text, in dem sich Preziosen wie „Man darf den Protest nicht den Idioten überlassen“ oder die These vom „Outsourcing des Hasses“ verbergen.

Nach der Aufführungsserie in Wien, die bis zum 31. Dezember dauern wird, geht „Kudlich“ im kommenden Jahr auf Tournee zu den Häusern der „Theaterallianz „. Zu dieser gehören neben dem Schauspielhaus das Klagenfurter Ensemble, das Theater Kosmos in Bregenz, das Theater Phönix Linz und das Schauspielhaus Salzburg.

(S E R V I C E - Thomas Köck: „Kudlich - eine anachronistische Puppenschlacht“ im Schauspielhaus, Porzellangasse 19, 1090 Wien. Regie: Marco Storman, Bühne und Kostüme: Jil Bertemann. Mit: Nicolaas van Diepen, Peter Elter, Max Gindorff, Katharina Haudum und Lisa-Maria Sexl. Weitere Aufführungen am 29. November, am 3., 6., 7., 8., 9., 10., 13., 14., 15., 16., 17., 20., 21., 29., 30. und 31. Dezember. http://go.apa.at/ZrkuljGJ)


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