Schreckgespenst aus Zahlen und Formeln

Mathematik ist jenes Unterrichtsfach, vor dem die Schüler am meisten zittern. Die Einführung der Zentralmatura scheint die Ängste weiter zu verstärken. Doch die Ergebnisse sind besser als befürchtet.

(Symbolfoto)
© iStockphoto

Von Markus Schramek

Innsbruck, Lienz –Auf dem Terminkalender steht fett „Mathe-Schularbeit!“ – und das Gefühl im Magen manches Schülers wird flau. Seit Generationen ist das so. Angst vor Zahlen und Formeln scheint Teil des Systems Schule zu sein. „Bei uns waren immer 50 bis 70 Prozent aller Nachhilfestunden im Fach Mathematik“, sagt Christian Köll, Leiter eines Nachhilfeinstituts in Innsbruck.

Selbst manch guter Schüler gerät bei Gleichungen oder Winkelfunktionen ins Schwitzen. So wie die 15-jährige Gymnasiastin Hannah: „Ich brüte lange über den Rechenaufgaben, jedes Mal kommt etwas anderes heraus. Das nervt.“ Und schon jetzt blickt die Sechstklasslerin mit Bangen in Richtung ihrer Reifeprüfung in zweieinhalb Jahren: „Ob ich das schaffe?“

Im Rahmen der neuen Zentralmatura wird Hannah Aufgaben zu lösen haben, die bundesweit je nach Schultyp einheitlich sind. Ihr Mathematiklehrer kann die Beispiele nicht mehr selbst auswählen. Mehr Gerechtigkeit soll das bringen. Doch die Zentralmatura zeigt erhebliche Nebenwirkungen: Sie verunsichert die Schüler und ärgert so manchen Pädagogen.

Hansjörg Schönfelder, Matheprofessor am Realgymnasium in Lienz, nimmt kein Blatt vor den Mund. Für ihn ist die Zentralmatura ein Systemfehler. „Es geht nur noch darum, möglichst wenig zu denken und bei den Multiple-Choice-Tests das Richtige anzukreuzen“, formuliert es der 55-Jährige pointiert. Kreativität sei nicht mehr gefragt, Fleiß werde nicht immer belohnt. „Selbst ein tüchtiger Schüler hat keine Gewissheit, dass er Mathe schafft“, macht Schönfelder deutlich.

Szenarien wie diese lösen einen Run auf Mathematik-Nachhilfe aus. Institutschef Köll hat „zum ersten Mal überhaupt“ einen Mitarbeiter fix angestellt – für Mathematik. Nachhilfelehrer Michael Mendl ist damit vollzeitbeschäftigt, Schüler beim Rechnen zu unterstützen.

Die Wissenslücken sind beträchtlich. „Es fehlt meist schon am Grundwerkzeug, etwa wie man Gleichungen auflöst oder Formeln verwendet“, berichtet der 31-jährige Außerferner. Er gibt seinen Schützlingen den Tipp, „mäßig, aber regelmäßig Mathe zu lernen“. Eine Stunde pro Tag wäre ideal, und das nicht nur vor den Schularbeiten.

Wie aber kann man den Schülern Lust auf ein angstbesetztes Fach wie Mathematik machen, noch bevor es mit den Noten abwärtsgeht?

Christine Reiter, Matheprofessorin im Gymnasium in der Au in Innsbruck, sieht den Schlüssel dazu in ganz jungen Jahren: „In der Unterstufe vermittle ich Mathematik spielerisch, durch Malbilder, die eine Lösung ergeben, oder Dominokärtchen, auf denen Rechenbeispiele stehen.“ Ganz wichtig seien Zweiergespräche zwischen Lehrer und Schüler. „Unter vier Augen fällt es den Kindern leichter zu sagen, dass sie etwas nicht verstanden haben.“ Die Lehrer seien dabei gefordert, betont Reiter. „Sie müssen sich verschiedene Ansätze überlegen, wie sie ein Beispiel erklären, passend und verständlich für das jeweilige Kind.“

Die Eltern sind als beharrliche Mutmacher gefragt. „Sie sind Vorbilder. Zu sagen, ,Ich war auch schlecht in Mathe’, hilft den Kindern nicht, es nimmt ihnen die Motivation“, warnt Reiter. Endet ein Erwachsener bei den Rechenaufgaben selbst im Niemandsland, ist er dennoch von Nutzen. Reiter: „Man kann dem Kind zeigen, wo es die Lösung für ein Problem nachschlagen kann.“

Mathematik kann sich auch deshalb zur Belastung auswachsen, weil Rechenschwächen sofort sichtbar werden. „Leistungswille und subjektive Fortschritte der Kinder sollten daher in der Schule und zuhause anerkannt werden“, empfiehlt Brigitte Thöny, die Leiterin der Schulpsychologie beim Landesschulrat. Spezielle Förderprogramme könnten helfen, die Probleme in den Griff zu bekommen.

Und die Zukunft? Der Lienzer Lehrer Hansjörg Schönfelder wagt sich vor: „Kein Schüler, der andere Talente hat, sollte an einer schlechten Note in Mathematik scheitern.“ Seine Vision: Mathematik als Pflichtfach nur noch bis zur 6. Klasse. „Wer will, kann sich danach weiter vertiefen.“

Die Chance, solcherlei noch zu erleben, schätzt Schönfelder allerdings als gering ein.


Kommentieren


Schlagworte