Die Provokation als Mittel zum Zweck: Bruce Nauman wird 75

Santa Fe (New Mexico) (APA/dpa) - Für Bruce Nauman ist Kunst ganz einfach: „Ich denke nicht über ein großes Publikum nach. Ich denke, wem wü...

Santa Fe (New Mexico) (APA/dpa) - Für Bruce Nauman ist Kunst ganz einfach: „Ich denke nicht über ein großes Publikum nach. Ich denke, wem würde ich das gern zeigen? Wenn es diese Bedingung erfüllt, können es - denke ich - viele Menschen betrachten.“ Mit teils lustigen, teils beklemmenden Installationen wühlt der Konzeptkünstler, der am Dienstag (6.12.) 75 Jahre alt wird, sein Publikum seit Jahrzehnten auf wie kein Zweiter.

„Im Lauf seiner Karriere hat Nauman uns geködert, kontrolliert, gelangweilt, erzürnt, verängstigt, beleidigt, geärgert, behindert, mit uns experimentiert und uns - seine Zuschauer - dahingehend manipuliert, seine Arbeit innerhalb seiner Parameter zu betrachten“, schrieb Kurator Paul Schimmel über den in Fort Wayne (US-Bundesstaat Indiana) geborenen Pionier der Video- und Performance-Kunst einmal. Die Deutung seiner aus immer neuen Materialien zusammengesetzten Arbeiten hat der öffentlichkeitsscheue Nauman, der mit seiner Frau auf einer Farm in New Mexico lebt, meist anderen überlassen.

Zwei Sätze konnte ein Reporter ihm dort zuletzt aber doch entlocken: Seine Arbeit entstehe „aus Frust über die Bedingung des Menschseins. Und wie Menschen sich weigern, andere Menschen zu verstehen“, sagte Nauman im September. Vielleicht erklärt das, warum Kritiker ihn gern als hoffnungslosen Pessimisten zeichneten, der etwa einen hilflos mit den Beinen strampelnden Clown auf sechs Bildschirmen gleichzeitig zeigt, der das Publikum mit „No, No, No“-Schreien malträtiert.

Das war es dann aber auch schon mit dem Versuch, Nauman wie andere Künstler des späten 20. Jahrhunderts mit einer eigenen „Handschrift“ zu kategorisieren. Ob mit Zementblöcken, umgekehrten Treppenstufen, gemalten Comicstreifen, Neonröhren, Tier-Abgüssen oder einem Video von sich selbst: Nauman verstört und lässt sein Publikum meist nervös zurück. Kein Wunder, dass der existenzialistische Dramatiker Samuel Beckett sein Werk geprägt hat. Es sind düstere, aber auch urkomische Alpträume und Sackgassen, in die Nauman die Menschen lockt.

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In der Londoner Tate Modern zum Beispiel, als er für die Ausstellung „Raw Materials“ 40 überdimensionale Lautsprecher in der Turbinenhalle aufstellte, aus denen sich körperlose Stimmen zu einem betörenden Ganzen verbanden. „Geh‘ aus meinem Verstand, geh‘ aus diesem Raum“, flüsterte Nauman am Rand des Erstickens dort, japsend und knurrend schuf er eine klaustrophobische, einschüchternde Aura. Wechselnde Tonlagen und Rhythmen sprangen von diplomatisch zu psychotisch, von Schikane zu Beklemmung zu Spott, schrieb Mit-Kurator Ben Borthwick.

Dass Nauman 2009 für seine „Topological Gardens“ bei der Biennale in Venedig den Goldenen Löwen gewann, war da letztlich eine Bestätigung der in der Kunstwelt längst gereiften Einsicht, dass der frühere Student der Physik und Mathematik zu einem der einflussreichsten Künstler seiner Zeit avanciert war. Warum der Sohn eines Ingenieurs sich damals entschied, anders als seine Kommilitonen abzubrechen und es mit der Kunst zu versuchen, weiß er selbst nicht so genau. „Vieles ist Unfall, Ergebnis billiger Ausrüstung“, erklärte er seine Werke im Jahr 2001. „Dank der Unfälle bleibt es echt, ich mag das irgendwie.“

Nachdem sein Mix aus Skulpturen, Video, Ton, Installationen und Skizzen quer durch die Welt gereist war, wurde es ruhig um den Mann, der eine Liebe zu Pferden und dem Ranch-Dasein pflegt. Und dann plötzlich tauchte er mit einer Ausstellung im Philadelphia Museum of Art wie aus der Versenkung auf: In den „Contrapposto Studies, I through VII“ sieht man Nauman im klassisch-griechischen Kontrapost gehen - vor- und rückwärts, im Positiv und Negativ, auf ewig. Was erst simpel scheint, wird für den Betrachter über kurz oder lang zur Tortur. Der „Kunst-Provokateur“ sei zurück, betitelte die „New York Times“ ihr Porträt zur neuen Ausstellung. „Sind Sie bereit?“


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