Passagiere auf Güterzügen: Lebensgefährliche Flucht

Die österreichische Polizei kontrolliert in Innsbruck jetzt Güterzüge, damit es in Bayern durch die Suche nach Flüchtlingen nicht wieder zu stundenlangen Anhaltungen kommt.

© BPol Rosenheim

Von Marco Witting

Innsbruck –Sie riskieren ihr Leben. Verstecken sich bei Eiseskälte in Hohlräumen von Sattelaufliegern oder klettern in Container, die auf Güterzügen stehen. Wie lange die Flüchtlinge so unterwegs sind, weiß oft niemand. Die Gefahren durch Oberleitungen oder durch andere Züge nehmen die Menschen billigend in Kauf, oder sie sind sich ihrer erst gar nicht bewusst. Nachdem durch die Bundespolizei Rosenheim zuletzt 180 Menschen auf Güterzügen aufgegriffen worden waren, starteten die Bayern am Donnerstag mit intensiven Kontrollen in Höhe Raubling. Wie die TT berichtete, kam es dabei zu stundenlangen Verzögerungen im Fern- und Nahverkehr auch auf Tiroler Seite. Gestern reagierte man dann sehr schnell – und ab sofort gibt es auch Kontrollen am Frachtenbahnhof in Innsbruck.

Fünfmal wurde der Zugverkehr in Bayern am Donnerstag angehalten, gestern zweimal. Die Folge: je eine Stunde Streckensperre und ein regelrechter Zugstau. „In so einem Fall muss die gesamte Strecke gesperrt werden, ganz besonders, wenn Menschen auf den Gleisen sind“, erklärte Rene Zumtobel, ÖBB-Pressesprecher. Schon Donnerstagnachmittag habe es über die Bahn Kontakt zur österreichischen Polizei gegeben. Um einen Rückstau zu vermeiden, wurde vereinbart, dass die Güterzüge in Innsbruck von Bahn und Polizei überprüft werden. Das passierte Freitag zum ersten Mal. Ohne Aufgriffe, wie die Tiroler Polizei auf Anfrage bestätigte. Die Kontrollen würden aber in den kommenden Tagen fortgesetzt. „Wir wollen hier gemeinsam an einem Strang ziehen“, sagte Zumtobel. Eine „Feedback-Schleife“ soll sicherstellen, dass die bereits in Tirol kontrollierten Züge bis zu ihrem Endbahnhof durchfahren können. Man könne aber natürlich nicht noch zusätzliche behördliche Kontrollen ausschließen, sagte Zumtobel.

Derartige Fälle haben sich in jüngerer Vergangenheit gehäuft – Höhepunkt dann eben am Donnerstag. Insgesamt wurde die Zugverbindung über das Deutsche Eck zwischen 29. November und 1. Dezember gleich achtmal unterbrochen.

Die ÖBB wollen auch am Brenner die Güterzüge stärker ins Auge fassen. Dort gibt es durch den Wechsel des Bahnsicherungssystems einen planmäßigen Halt. Der auch genutzt werden kann, damit Menschen auf die Güterzüge aufspringen und sich verstecken. Klar sei aber: „Wenn ein Mensch auf so einem Güterzug gesichtet wird, dann besteht Lebensgefahr und der Betrieb in beide Richtungen muss sofort gesperrt werden“, sagt Zumtobel.

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Rainer Scharf, Sprecher der Bundespolizei Rosenheim, zeigte sich gestern in einer ersten Stellungnahme zufrieden mit der eilig ausgearbeiteten Lösung in Tirol. „Wir stehen in enger Verbindung mit den Kollegen und es hat gut funktioniert.“ Es wurden bei den Kontrollen (Stand gestern Nachmittag) übrigens weder in Tirol noch in Bayern Personen aufgegriffen.

In der Vergangenheit kam es in Deutschland aber auch vor, dass Flüchtlinge, nachdem sie von der Polizei aufgegriffen wurden, über die Gleise liefen und sich dabei in Gefahr brachten. Auch deshalb die enormen Sicherheitsvorkehrungen rund um die Kontrollen. „Wir werden die Ergebnisse der Kontrollen jetzt einmal evaluieren“, sagte Scharf. Aber: Anlassbezogen könne es auch in Zukunft zu derartigen Kontrollen kommen.

Generell hat die Bundespolizeidirektion Rosenheim im November 1300 Migranten aufgegriffen – darunter auch 20 Schlepper. Diese wurden allerdings zumeist auf der Straße geschnappt. Im Vergleich zu den Vormonaten war im November dabei ein Rückgang zu verzeichnen. Im Sommer lag die Zahl der Aufgriffe bei rund 1800 Menschen im Gebiet der Rosenheimer Beamten. Rund 50 Prozent davon wurde übrigens laut Scharf die Einreise verweigert – sie wurden nach Österreich zurückgeschickt.


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