Matteo Renzi - Der „Verschrotter“ vor der Schicksalswahl

Rom (APA/AFP) - Die Volksabstimmung über die Verfassungsänderung hat er zum Plebiszit über die eigene Person gemacht. Doch diesmal könnte It...

Rom (APA/AFP) - Die Volksabstimmung über die Verfassungsänderung hat er zum Plebiszit über die eigene Person gemacht. Doch diesmal könnte Italiens machtbewusster, gerade einmal 41 Jahre alter Ministerpräsident Matteo Renzi zu hoch gepokert haben. Umfragen sagten zuletzt einen Sieg des Nein zu dem Projekt voraus, mit dem Renzi den Senat entmachten und das Parlament entscheidungsfreudiger machen will.

Hinzu kommt das bereits 2015 verabschiedete neue Wahlrecht, das der stärksten Kraft einen massiven Regierungsbonus gewährt und dem Regierungschef eine wesentlich größere Machtposition beschert. Was Renzi ursprünglich als Befreiungsschlag geplant hatte, nämlich ein massives Ja bei dem Referendum, könnte nun zum Fiasko für ihn werden.

Renzi hatte im Februar 2014 in einem Coup innerhalb seiner Demokratischen Partei (PD) Enrico Letta, die Nummer zwei der Partei, gestürzt und dessen Nachfolge als Chef der Regierung übernommen. Seitdem stellte sich Renzi, mit 39 Jahren der jüngste Ministerpräsident in der Geschichte Italiens, selbst nie zur Wahl.

Dafür gebärdete er sich als „Turboreformer“, der das Land mit verschiedenen Maßnahmen aus der Wirtschaftskrise und der politischen Instabilität holen wollte. Sogar bei Anhängern der Rechten um den ehemaligen Regierungschef Silvio Berlusconi kam er dabei gut an - zumal ihm weder politische Skandale noch Korruptionsaffären anhafteten. Allerdings hatte Renzi auch während seiner gesamten politischen Karriere weder ein Parlamentsmandat noch einen Ministerposten inne.

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Genau diese Unerfahrenheit sehen Kritiker als Renzis Handicap an. Sein politisches Programm ist teils unscharf. Kernforderungen sind weniger Staatsausgaben und weniger Bürokratie. Harte Verhandlungen mit Gewerkschaften, die ihm eine anhaltend hohe Arbeitslosenrate ankreiden, und politischen Schwergewichten sind seine Sache nicht. Politisch eifert er seinen Vorbildern nach, US-Präsident Barack Obama und dem ehemaligen britischen Premierminister Tony Blair.

Gern bezeichnet sich Renzi als „rottamatore“ (Verschrotter), der mit den „alten Eliten“ aufräumt. Mit altgedienten Parteimitgliedern tat er dies bald: Auf sein Betreiben hin traten sowohl der einstige Ministerpräsident Massimo D‘Alema als auch der ehemalige Bewerber für das Amt des Regierungschefs, Walter Veltroni, bei der jüngsten Parlamentswahl nicht mehr an.

Zumindest D‘Alema hat das nicht vergessen: Als einflussreiches Mitglied der PD-Minderheit, die für das Nein zum Referendum wirbt, war er die vergangenen Wochen und Monate landauf, landab unterwegs.

Geboren wurde Renzi, der stolz auf seine Jahre als katholischer Pfadfinder verweist, am 11. Jänner 1975 in Florenz. Nach seinem Jusstudium arbeitete er in der Marketingfirma seiner Familie. Mit 19 Jahren trat er in die politischen Fußstapfen seines Vaters, eines örtlichen Abgeordneten der Christdemokraten.

2001 wurde Renzi der örtliche Koordinator der christdemokratischen Zentrumsbewegung Margherita, die später in der Demokratischen Partei aufging. Die Wahl zum Bürgermeister von Florenz 2009 war Renzis politischer Durchbruch.

Eines von Renzis Büchern trägt den Titel „Zwischen De Gasperi und U2“. Alcide De Gasperi, historischer Führer der italienischen Christdemokraten und mit Robert Schuman und Konrad Adenauer einer der Gründerväter der europäischen Einigung nach 1945, gehört genauso zu seinen Idolen wie die irische Rockband U2. Verheiratet ist der Jurist mit der Italienischlehrerin Agnese, die er noch aus Pfadfinderzeiten kennt und mit der er drei Kinder hat.


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