„Unter der Dusche singe ich weiter“

Eine Weltkarriere, die im Friseurladen startete: Startenor José Carreras wird heute 70. Und steckt mittendrin in seiner Abschiedstournee.

Bei der Österreich-Premiere von Christian Kolonovits’ Oper „El Juez“ wurde José Carreras im Theater an der Wien als Titelheld gefeiert.
© THEATER AN DER WIEN/HERWIG PRAMM

Madrid –Gesang ist sein Leben: Und so stand José Carreras gestern, am Vorabend seines 70. Geburtstags, Tausende Kilometer von seiner Heimat entfernt in Tokio auf der Bühne. Damit er im Kreise der Familie die Kerzen auspusten konnte, jetteten Kinder und Enkel dem Opa hinterher. Klingt nicht nach einem, der an die Pension denkt. Aber der schicksalserprobt­e Carreras weiß, dass „auch die wunderbarsten Dinge im Leben irgendwann enden“ müssen. Er startete deshalb im Oktober eine Abschiedstournee, die „zwei oder drei Jahre“ dauern soll und den Sänger auch nach Graz, Salzburg und Wien führt.

Der Polizistensohn, der als Bub im Friseurladen seiner Mutter die Kundinnen mit seiner Stimme erfreute, ist zu einer Musikikone geworden. 1947 in Barcelona geboren, begeisterte sich Klein José schon als Sechsjähriger für die Oper, nachdem er mit seinem Vater den Film „Der große Caruso“ gesehen hatte. Obwohl sie von Musik wenig Ahnung hatten, förderten die Eltern das Talent ihres Sohnes und schickten ihn aufs Konservatorium. Als Elfjähriger sang Carreras eine kleine Rolle in der Oper seiner Heimatstadt. Von da an ging es für den späteren Mitbegründer der „Drei Tenöre“ rapide bergauf. 1970 feierte er in Barcelona mit 24 Jahren sein Debüt als Profisänger. Und schon bald lag ihm Welt zu Füßen. Der Tenor mit dem schüchternen Lächeln trat Mitte der 1970er-Jahre in der Metropolitan Opera von New York, im Londoner Covent Garden und in der Wiener Staatsoper auf. Auf dem Gipfel des Erfolgs im Sommer 1987 dann der Schock: Carreras hatte Blutkrebs. Die Karriere schien zu Ende, schlimmer noch: Die Überlebenschancen galten als gering. Nach einer Knochenmarktransplantation konnte er die Krankheit besiegen, seither sammelt er unermüdlich Spenden, um Leidgenossen den Überlebenskampf zu erleichtern.

Viele Kritiker klagen, Carreras’ Stimme sei heute nur noch ein Abglanz früherer Tage. Bei seinem Comeback auf der Opernbühne nach mehr als acht Jahren wurde der Startenor aber zunächst 2014 in Bilbao und dann heuer im Theater an der Wien bei der Premiere von Christian Kolonovits’ Oper „El Juez“ als Titel­held gefeiert. Warum will er dann aufhören? „Das will ich ja gar nicht“, sagt er im dpa-Interview. Und setzt nach: „Ich versuche, dieses Ende so zu erreichen, dass es kein allzu großer Schock für mich ist. Langsam, langsam. Unter der Dusche werde ich auf jeden Fall weitersingen. Das ist sicher.“ (APA, dpa, TT)


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