Der Mathematiker als Glaubensphilosoph

Schreibt ein Naturwissenschafter über die Frage: „Woran glauben?“, ist mit einem Buch für aufgeklärte Menschen zu rechnen. Rudolf Taschner hat zehn Angebote für sie. Der Mathematiker über Donald Ducks Autonummer, Weihnachten und darüber, dass die Antworten der Natur letztlich doch zu wenig sind.

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Von Michaela S. Paulmichl

Wien, Innsbruck — „Glauben heißt nichts wissen" — ein Zitat, das Erwachsene gern etwas oberlehrerhaft gegenüber Kindern anführen, wenn diese aus Angst, etwas Falsches zu sagen, vage Antworten geben. „Glaube heißt Nicht-wissen-wollen, was wahr ist", sagte der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche. Der österreichische Mathematiker Rudolf Taschner meint nun, dass „Wissen eigentlich auf tiefen Glaubensgrundsätzen gründet". In seinem neuen Buch „Woran glauben" geht der Professor an der TU Wien der Frage nach, woran in einer kalt und zynisch gewordenen Welt überhaupt noch geglaubt werden könne.

In Anlehnung an die zehn Gebote verfasste er „10 Angebote für aufgeklärte Menschen" — den Glauben an die Natur, die Geschichte, die Zukunft und auch an den Genuss, an Kirche, Kunst und Gott, das Ich und das Dich und sogar den Aberglauben.

„Auch ein Mathematiker glaubt!", antwortet Taschner auf Fragen, ob Glaube und Naturwissenschaften einander nicht ausschließen würden. „Ich glaube, dass meine Frau und meine Kinder mich gern haben. Das muss ich glauben, das kann ich nicht ausrechnen! Auch dass die Mathematik widerspruchsfrei ist, weiß man nicht, man muss es glauben. Man weiß sogar, dass man das nie wissen wird."

Kurt Gödel, einer der bedeutendsten Logiker des 20. Jahrhunderts, habe das bewiesen. Und er lieferte — mit mathematischer Sicherheit — sogar einen Gottesbeweis. „Natürlich war das ein sehr theoretischer Gott", so Taschner. „Und auch seine Existenz war theoretisch — also nichts, wofür ich mein Seelenheil hergeben würde." Gödels Berechnungen sind der Einstieg in ein Buch, in dem es dem Autor darum ging, Glaubensmöglichkeiten zu beschreiben, um die Frage: „Wo find' ich Halt in meinem Dasein?"

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Er beginnt mit dem Aberglauben und räumt überraschend ein: „Ich bin selbst ein bisschen abergläubisch, das geb' ich auch zu. Wenn man mich nach meiner Lieblingszahl fragt, sag' ich immer 313. Das ist das Autokennzeichen von Donald Duck, mir gefällt das einfach."

Viele Menschen seien sehr abergläubisch, aber es gebe natürlich auch viele, die sagen, das sei sinnlos — die nur glauben würden, was sie wirklich wissen. Das längste Kapitel sei demnach auch dem Glauben an die Natur gewidmet. „Der Tisch existiert, weil ich ihn fühle. Ich bin also notwendig. Aber den Tisch gibt's auch objektiv, er ist eine mathematische Gleichung. Die Mathematik ist vom Menschen geschaffen. Die Natur, an die man so sehr glaubt, zerfällt. Sie ist also gar nicht so natürlich, wie man glaubt."

Taschner will mit seinem Buch zum Denken anregen: „Ich möchte, dass die Menschen sagen: ,Ich hätt' nicht gedacht, dass man die Dinge so sehen kann.' Dass man z. B. an den Genuss glauben kann — und dass das auch ein schöner, wertvoller Glaube ist!" Aber natürlich sollte man nichts übertreiben.

Taschner betont, dass er seinen Glauben niemandem aufdrängen wolle: „Es sind Angebote für aufgeklärte Menschen und keine Gebote, denn dann wären das unaufgeklärte Menschen, die ich mit meinen Überzeugungen erdrücken würde." Missionarisches sei ihm fremd.

Die Kirche, das sei der Glaube an die Gemeinschaft, die Hoffnung. „Man fühlt sich geborgen. Wenn ich nicht allein glauben kann, dann fühl' ich mich im Gesang mit den anderen erhoben. Die Kirche könnte so viel geben, und ich hab' das leise Empfinden, dass sie ihr Alleinstellungsmerkmal gar nicht ausspielt. Irgendwie hat sie den Tritt verloren, das tut mir fast leid."

Selbst skeptisch und kein Mitglied, halte er sie doch für außerordentlich wertvoll — mit ihren Ritualen und Symbolen, die es Menschen ermöglichten, Wurzeln zu schlagen.

Kirchen als Gebäude sind für den Mathematiker Orte, die Kraft geben: „In der Klosterkirche in Wilten spürt man diese Aura. Man spürt, hierher kommen gläubige Menschen, die etwas hinterlassen." Er selbst gehe gerne in Kirchen. „Damit tu' ich mir etwas Gutes, aber eigentlich ist das eher Therapie."

Glaube sollte keine Therapie sein, sondern aus einem herauskommen. Und schließlich Gott selbst: „Da geht's gar nicht darum, ob er existiert. Wichtig ist, ob man ihm begegnet oder ob er einem fern ist. Wenn man sieht, wie schrecklich es zugehen kann, das ganze Leid — das ist nichts anderes als das Empfinden, Gott ist weit weg."

Der zarteste, zerbrechlichste und auch schönste Glaube sei der an das Ich und an Dich. „Das Ich zerfließt im Du und das Du im Ich — eine Begegnung, die weit über den Tod hinausgehen kann."

Der Glaube an die Zukunft sei wichtiger als gedacht — auch wenn er nichts mit Gott und der Kirche zu tun habe. „Dass man arbeitet — nicht nur, um Geld zu verdienen —, sondern für eine Zukunft, die sich vielleicht entwickelt, wenn ich gar nicht mehr bin. Wir machen Zukunft, weil wir dran glauben, dass es wichtig ist — vor allem wegen der Kinder." Darum sei Weihnachten eigentlich das Fest für den Glauben an die Zukunft: „Wir beschenken die Kinder, weil wir sagen, ihr seid unsere Zukunft, in euch wollen wir alles reinvestieren. Und darum schauen wir auf diese Krippe, weil wir wissen, da ist der düstere Stall der Gegenwart, aber da ist auch das Kind, das in die Zukunft hineinleuchtet."

Kinder in die Welt zu setzen, das sei nicht nur, Nachkommen zur Welt zu bringen, weil die Natur das so eingerichtet habe. „Deswegen bin ich beim Glauben an die Natur so skeptisch! Was wäre, wenn wir nur an die Natur glauben würden? Ein Kind kommt behindert zur Welt, ich will es aber trotzdem zu einem glücklichen Menschen heranziehen. Im alten Rom wurden diese Kinder einfach weggeworfen. Die Natur sagt einem nicht, dass das Unrecht wäre. In der Bibel steht, er wird das geknickte Rohr nicht zerbrechen. Das steht nicht im Buch der Natur." Deshalb sei der Glaube an die Natur zu wenig.

Schließlich sei auch Glaube selbst wichtig: „An nichts zu glauben, wäre fürchterlich und trostlos. „Die Ungläubigen sind die Leichtgläubigsten", sagte Blaise Pascal, französischer Naturwissenschafter, Literat und christlicher Philosoph. Taschner: „Denn sie wissen selbst nicht, woran sie alles glauben."

© Ingo Pertramer/Brandstätter Verl

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