Erste Stiftung denkt über Kunstimpulse gegen Re-Nationalisierung nach

Ljubljana/Wien (APA) - Bereits zum 5. Mal hat die österreichische Erste Stiftung Ende vergangener Woche den Igor Zabel Award for Culture and...

Ljubljana/Wien (APA) - Bereits zum 5. Mal hat die österreichische Erste Stiftung Ende vergangener Woche den Igor Zabel Award for Culture and Theory vergeben. Gleichzeitig lud sie führende Museumsdirektoren und Kunstexperten nach Ljubljana, um Gegenmodelle zu aktuellen Renationalisierungstendenzen zu diskutieren. Die Stiftung selbst denkt indes angesichts reduzierter Mittel über künftige Schwerpunktsetzungen nach.

Der Igor Zabel Award for Culture and Theory, der seit 2008 alle zwei Jahre an Kuratoren und Kunsttheoretiker aus Südost-, Ost- und Zentraleuropa vergeben wird, ist 2016 an die Wirkungsstätte seines Namensgebers zurückgekehrt: Der slowenische Publizist und Kunsthistoriker Igor Zabel (1958-2005) beschäftigte sich als Kurator der Moderna Galerija neben slowenischer Kunst insbesondere mit dem Verhältnis von ost- und westeuropäischer Kunst.

Am Freitagabend ging der mit 40.000 Euro dotierte Hauptpreis an den Moskauer Kurator und Kunstkritiker Viktor Misiano, der seinerzeit eng mit Zabel kooperiert hatte. 12.000 Euro-Stipendien erhielten die italienischen Kuratorin Viviana Checchia, ihre rumänische Kollegin Anca Verona Mihulet sowie die OFF-Biennale Budapest. Letztere will im Herbst 2017 trotz vieler Widrigkeiten erneut zeitgenössische Kunst an vielen Budapester Orten präsentieren. „Dieser Preis kommt für uns zu einem wichtigen Zeitpunkt - er er gibt uns die moralischen, fachliche, politische und wirtschaftliche Unterstützung, die wir brauchen werden“, bedankte sich OFF-Kokuratorin Hajnalka Somogyi.

Relevanter als die Preisverleihung selbst war freilich eine begleitende Konferenz, die vom kritischen Geist eines europäischen Einigungsprojekts geprägt war. Ausgangspunkt der Diskussionen am Donnerstag und Freitag war das Werk des 2015 verstorbenen polnischen Kunsthistorikers Piotr Piotrowski, der für eine länderübergreifende Kunstgeschichte und das Museum als „kritische Institution“ plädiert hatte. Führende Museumsdirektoren und Theoretiker zeitgenössischer Kunst erörterten beispielhafte Kunstprojekte in zunehmend nationalistischen Zeiten.

„Weil russische Künstler teilnehmen und die Ausstellung im März in Moskau gezeigt wird, bekam ich weder Geld von der Europäischen Union noch von der deutschen Kulturstiftung des Bundes“, erzählte der Direktor des Karlsruher Zentrums für Medienkunst (ZKM), Peter Weibel von Auswirkungen eines neuen „Kalten Kriegs“. Mit seiner Schau „Kunst in Europa 1945-1968. Der Kontinent, den die EU nicht kennt“ wolle er eine „NATO-Geschichtsschreibung“ überwinden, die sich traditionell auf westeuropäische und US-amerikanische Kunst beschränkt habe. Für eine noch breitere Sichtweise plädierte in Ljubljana der Direktor des Münchner Hauses der Kunst, Okwui Enwezor, der mit der derzeit laufenden Ausstellung „Postwar: Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945-1965“ eine globale Kunstgeschichte der Nachkriegsjahrzehnte entwirft. „Es gibt die Tendenz, europäische Erfahrungen überzubewerten und damit 60 bis 75 Prozent der Welt auszuschließen“, sagte Enwezor.

Die Direktorin der Europäischen Roma-Kulturstiftung in Budapest, Timea Junghaus, referierte indes rassistische Vorurteile über Roma, die sich seit Jahrhunderten in der europäischen Kunst belegen lassen und auch im rechtsextremistischen Kontext eine zunehmende Rolle spielen. Sie berichtete aber auch über Strategien des kulturellen Widerstands, die neben anderen künstlerischen Initiativen der Roma 2007 auch für einem eigenen Pavillon des Diaspora-Volks auf der Biennale in Venedig gesorgt hatten. „Mit diesen Praxen könnten wir nationale Grenzen überwinden und eine zugängliche politische Kultur generieren, die zu universeller Beteiligung einlädt“, sagte die ehemalige Zabel Award-Stipendiatin.

Man erlebe im Moment Schübe von Renationalisierung, Antidemokratisierung, Illiberalität und Hass, erklärte am Rande der Preisverleihung Boris Marte, der 2003 das internationalen Kulturprogramm der Erste Stiftung mitkonzipiert hatte. „Diese Entwicklungen haben uns an den Anfangspunkt unserer Aktivitäten zurückgeworfen und wir müssen weiterkämpfen, um heute mehr denn je die offene Gesellschaft zu verteidigen“, sagte er gegenüber der APA und betonte die Wichtigkeit jener kulturellen Kompetenz, die gerade durch Kunst vermittelt werden könne. Neben dem Zabel Award betreibt seine Institution das in Österreich, Rumänien, der Slowakei, Tschechien und Ungarn tätige Kunstnetzwerk Tranzit, sie unterstützt Vorlesungen zur Kunst Mittel- und Südosteuropas und legte eine Sammlung zeitgenössischer Kunst aus der Region an.

Leider habe es die österreichische Kulturpolitik verabsäumt, die Fenster (in Richtung Südosten- und Osten, Anm.) aufzumachen. „Wir müssen unsere Kulturinstitutionen in Österreich hinterfragen, ob sie in ihrer aktuellen Struktur das erfassen können, was über den lokalen Kontext hinaus relevant ist“, bedauerte Marte.

Marte ist Anfang Oktober nach einer mehrjährigen Unterbrechung in den Vorstand der Stiftung zurückgekehrt und hat einen Reflexionsprozess eingeleitet. „Im Sommer 2017 sollen wir formulieren können, wo wir in Zukunft stärker unseren Fokus setzen werden“, kündigte er an. Die Notwendigkeit von Veränderungen resultiert insbesondere auch aus einem geringeren Stiftungsbudget, das sich aus Dividendenzahlungen der Erste Group Bank AG speist. Krisenbedingt schrumpften in den vergangenen Jahren die Dividenden, parallel reduzierte die Stiftung ihren Aktienanteil und hält nunmehr nur noch 11 Prozent an der österreichischen Bankengruppe.