290.000 Patienten stehen vor verschlossener Praxis
Ein Großteil der Allgemeinmediziner in Wien, im Burgenland und in Kärnten streikt heute. Die Ärztekammer stellt weiteren Protest in Aussicht.
Von Cornelia Ritzer
Wien –Heute soll im Nationalrat ein Gesundheitspaket beschlossen werden, heute wollen der Großteil der Allgemeinmediziner in Wien, im Burgenland und in Kärnten ihre Ordinationen geschlossen halten. Die Ärztekammer bekämpft mit diesem Streik die zwei im Zusammenhang mit dem Finanzausgleich erstellten Bund/Länder-Vereinbarungen: den Kostendämpfungspfad sowie den Ausbau der Primärversorgung.
Die Protestmaßnahme trifft rund 290.000 Patienten, rechnet der Hauptverband der Sozialversicherungsträger vor. So viele haben am 14. Dezember des Vorjahres einen Allgemein- oder Facharzt aufgesucht. Die Standesvertreter sind sich trotzdem sicher, dass der Streik auf Verständnis trifft. Die Ärztekammer hat eine Befragung zur gesundheitspolitischen Entwicklung in Österreich in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: 66 Prozent zeigen für den geplanten Protest Verständnis. Weitere Proteste finden noch 54 Prozent gut. Ärztekammer-Präsident Artur Wechselberger: „Das gibt uns natürlich Rückenwind, wenn wir wissen: Zwei Drittel der Bevölkerung stehen hinter uns und unseren Anliegen. Sie verstehen, warum wir protestieren.“
Doch warum wird der Ausbau der Primärversorgung von der Ärztekammer derart heftig bekämpft? Die Standesvertreter befürchten vor allem, dass selbstständigen Hausärzten in Ordinationen durch das neue System das Aus droht. Denn künftig sollen Primärversorgungseinheiten an einem Standort oder als Netzwerk eingerichtet werden. Und diese Zentren könnten auch von gewinnorientierten Unternehmen geführt werden, so die Befürchtung der Kammer. Und: eine große Konkurrenz zum Hausarzt.
Bedenken, die der Hauptverband zerstreuen will. Es gebe dann zwar Vertragsvergabeverfahren für Primärversorgungszentren, bei denen Gruppenpraxen in den Wettbewerb miteinsteigen können. „Doch welcher Konzern würde im hinteren Pitztal eine Primärversorgungseinheit führen?“, heißt es ironisch aus dem Hauptverband. Und es wird auch besonders betont, dass kein Arzt seinen Kassenvertrag durch die neuen Gesetze verlieren werde.
„Wir wollen, dass sich das System weiterentwickelt, aber wir brauchen keinen Systembruch“, argumentiert Wechselberger. Seit 20 Jahren würde sich die Kammer darum bemühen, dass einzelne Ärzte besser zusammenarbeiten können – „in freien Gruppenpraxen mit unternehmerischer Freiheit“. Doch ein Fortschritt sei von den Sozialversicherungen „gebremst“ worden. Das nun geplante System sei eines von „bürokratisch-technokratischen Einflüsterern“, wird der Tiroler Allgemeinmediziner ungewohnt heftig. Die prognostizierte Folge: „Ärzte und Patienten laufen dem System davon.“ Gemeint ist damit der Trend hin zu Wahlärzten.
Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser (SPÖ) betont, dass Hausärzte weiterhin eine wichtige Rolle spielen würden. Und bei der Reform gehe es auch darum, die Gesundheitsversorgung auf dem Land zu gewährleisten.
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