„Zwitscherlinge“ auf Reisen
Klassentreffen sind konventionell. Die Klasse ’62 der Hauptschule Steinach am Brenner macht Klassenreisen. Zusammen besuchen sie ausgewanderte Mitschüler – von Mallorca bis Hamburg.
Von Judith Sam
Innsbruck –Sechs Grad minus – die Winterkälte hat Innsbruck fest im Griff. Grund genug für vier „Zwitscherlinge“, vor den arktischen Temperaturen in ein Café zu flüchten. „Mein Gott, so hat uns ewig keiner mehr genannt“, sagt Wolfgang Bereiter und lacht so ausgelassen, dass seine Melange beinahe aus der Tasse schwappt.
Die Erinnerung an den Namen des früheren Schülerchors der Hauptschule Steinach am Brenner bringt die Augen des „48er-Baujahrs“, wie er sich betitelt, zum Glänzen. Zusammen mit drei weiteren „Zwitscherlingen“ sitzt er gerade beim Klassentreffen: „Klassentreffen light, um genau zu sein. Wären alle anwesend, wären wir gut 25 Leute. Und ganz abgesehen davon meiden wir Klassentreffen. Wir bevorzugen Klassenurlaube.“
Der Schulabschluss lag gerade mal 50 Jahre zurück, als die erste Reise zustande kam. „2012 saßen mein früherer Sitznachbar Robert und ich bei einem Kaffee, als uns klar wurde, dass sechs Ex-Mitschüler heute im Ausland leben – von Neuseeland bis Hamburg“, erinnert sich der Innsbrucker Elmar Jenni. Warum sollte man sie nicht besuchen? Am besten gleich zusammen mit dem Rest der Klasse. Gesagt, getan.
„2013 reisten 16 von uns nach Mallorca, wo eine Ex-Mitschülerin wohnt und bis zur Pension einen Frisörladen betrieb“, plaudert „Zwitscherling“ Robert Klar. Die einwöchige Reise könne man als „therapeutisch“ bezeichnen.
Konventionelle Klassentreffen würden nämlich oft zur Leistungsschau ausarten, in der man schonungslos eine Lebensbilanz ziehen muss – inklusive Arbeitslosigkeit und Krankheit: „Nicht so bei uns. Wir verheddern uns nicht in stundenlange Unterhaltungen über Gebrechen. Auch wenn wir ab und an natürlich angeschlagen sind.“
Sechs der früheren Mitschüler sind laut dem pensionierten Ehrwalder Frisör bereits verstorben: „Umso mehr genießen wir unsere Zeit und die Erinnerungen an die Schule. Im Kreise der Klasse sind wir authentisch, ja sogar kindisch wie damals.“
Damit hat Klar nicht zu viel versprochen: Auf Mallorca und mitten im Hochsommer stimmten die 68-Jährigen etwa Weihnachtslieder an. „Ich verreise meist mit zwei Gitarren im Gepäck. Die habe ich vor Ort ausgeteilt und wir haben das angestimmt, wonach uns gerade zumute war“, schildert Bereiter. Die Folge war „Es wird scho glei dumpa“ in der spanischen August-Hitze.
Ein Jahr später, als ein Dutzend „Zwitscherlinge“ nach Hamburg reiste, wo ein Klassenkamerad heute ebenfalls Frisör ist, war das Programm nicht weniger unterhaltsam. „Die Mädels wollten auf die Reeperbahn. Die sind viel neugieriger als wir Männer“, wieder lacht Bereiter, sodass seine Kaffeetasse fast überschwappt. Da lenkt Ex-Mitschülerin Hildegund Kirchmair gekonnt ab: „2015 war der Plan, nach Griechenland zu reisen.“ Dort bewirtschaftet ein Klassenkamerad Olivenhaine. „Ach, unser Aussteiger“, kommentieren Jenni und Bereiter im Chor – allerdings nicht kritisch, sondern mit beinahe liebevollem Unterton. „Wir sind eine große Familie, die von den Erfahrungen der Kindheit zusammengeschweißt wurde“, erklärt Kirchmair. Damals gab es etwa noch Ohrfeigen für Unartige. Heute undenkbar.
Überhaupt habe sich viel verändert. „Wir erlebten die Aufbruchsstimmung der 60er-Jahre. Beinahe jeder hat ein, zwei Jahre im Ausland gelebt: Robert als Frisör in London, ich als Goldschmied in Manchester“, zieht Bereiter ein Fazit. Der Tiroler Fremdenverkehr machte es möglich: Man freundete sich mit Urlaubern an und kam so an Jobangebote aus dem Ausland.
Das berufliche Umfeld war laut Jenni grundsätzlich menschlicher: „Der aktuelle Trend, bis zu 100 Bewerbungen schreiben zu müssen, bis ein Jobangebot folgt – das war für uns undenkbar. Auch die Unterrichtsschwerpunkte waren berufsorientierter.“
Damals standen laut dem früheren Versicherungsmakler Allgemeinwissen und ein schönes Schriftbild im Fokus: „Heute kann ich kaum entziffern, was mein Sohn schreibt. Von Österreichs PISA-Ergebnissen ganz zu schweigen.“
Apropos Pisa: Erst im Herbst waren die „Zwitscherlinge“ in Italien. Damit ist die Reiselust der Abschlussklasse ’62 der Steinacher Hauptschule natürlich nicht gestillt. Derzeit tüfteln sie an Details zur Frühjahrsreise zu einem Klassenkameraden nach Barcelona.
„Die Königsklasse wäre, unsere Mitschülerin in Neuseeland zu besuchen, wo diese eine Pension betreibt“, sinniert Jenni wehmütig, aber dieser Flug sei den meisten „Zwitscherlingen“ wohl zu weit. Klar lässt sich jedoch nicht beirren: „Ach was, das kriegen wir auch noch hin!“
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