Der Fall Kristoffersen: Ein Orchester mit vielen Solisten
Alleingänge von Ausnahmekönnern sind im Skisport nichts Neues, auch der aktuelle Fall von Henrik Kristoffersen erregt die Gemüter. Seine Klage gegen den Verband soll Norwegens Teamgeist nicht schaden. Aber klappt das?
Von Roman Stelzl
Innsbruck – Am Ende des Tages wollen die Ski-Profis das, was sich auch alle anderen Menschen von ihrem Leben erträumen: einen Job ausüben, der Spaß macht und darauf aufbauend Erfolg und Selbstbestätigung bringt. Kaum ein Prototyp scheint für die Prämisse „Spaß haben und gleichzeitig Geld verdienen“ besser geeignet zu sein als Sportler – und dennoch: Die Sache ist nur selten so einfach. Das verdeutlicht der Fall Henrik Kristoffersen.
Der 22-jährige Norweger hatte am Sonntag den Weltcup-Slalom von Val d’Isère (FRA) gewonnen, tags darauf begann die Woche, in der seine Klage gegen den norwegischen Verband wegen eines eigenen Kopfsponsors behandelt wird. Der Spagat könnte nicht größer sein. Das erinnert wiederum an den versuchten Alleingang von Anna Veith, die wegen Verhandlungen mit einem teamfremden Sponsor mit dem Skiverband (ÖSV) in Konflikt geraten war.
Doch trotz aller Probleme im Vorfeld war Kristoffersen am Sonntag erfolgreich, seine Mannschaft mit ihm. Der Teamgeist scheint unberührt zu sein, auf den ersten Blick hält die Fassade. Aber tut sie das auch auf den zweiten?
Der Mann, der darauf wohl die beste Antwort liefern kann, heißt Christian Mitter. Der 36-jährige Steirer ist als Cheftrainer der norwegischen Herren einer der Erfolgsgaranten. Der Familienvater begleitete Kristoffersen bereits vor Jahren durch den Europacup. Mitters Philosophie basierte stets auf einer eingeschworenen Mannschaft. Auf einem unerschütterlichen Teamgeist. Wie passt da Kristoffersens Fall dazu? „Wir haben ein langes Gespräch geführt und dort die nötigen Maßnahmen ergriffen“, sagt Mitter. „Es sind viele Punkte vorgekommen, die Henrik erfüllen muss. Es wurde das Wichtigste geklärt. Die Sache mit dem Sponsor geht uns sportlich nichts an, das muss nun das Gericht in Oslo klären. “
Im Zentrum steht dabei der Kopfsponsor: Norwegens Team hat mit dem staatlichen Rundfunk (Telenor) für alle denselben Werbeträger. Das will Kristoffersen anfechten, der zu Red Bull wechseln will und sich dabei auf Aksel Lund Svindal beruft, der bereits beim Brausehersteller unter Vertrag ist. „Ich will nur das gleiche Recht“, sagt Slalom-Star Kristoffersen.
Doch das verbietet Norwegens Verband. Zum Vergleich: Im ÖSV dürfen die Athleten, sofern keine Interessenkonflikte bestehen, eigene Kopfsponsoren verpflichten. Der ÖSV verhandelt für die Athleten. Anders in Norwegen. „Es wurde ein neuer Vertrag mit Telenor unterschrieben. Aber von den Statuten her sind im Verband eigene Kopfsponsoren weiter nicht erlaubt. Aksel hat einen alten Vertrag, der wird eingehalten“, ergänzt Mitter.
Wenig überrascht zeigt sich der Cheftrainer von der Stärke des Slalom-Stars, der den ersten Torlauf von Levi (FIN) ausgelassen hatte: „Sportlich war er immer in Hochform. Sicher hat ihn der Lärm im Hintergrund beschäftigt, aber das sind alles Nebengeräusche. Jeder Mensch hat das Recht, so etwas einzuklagen. An der Arbeit ändert sich deswegen nichts. Auch im Team passt die Stimmung.“ Und dieses Team steht bei Mitter über allem – wohl auch über Kristoffersen, falls die Sache mit dem Verband kein gutes Ende findet: „Das wäre eine neue Situation, die wir neu bewerten müssten.“
Was den möglichen neuen Kopfsponsor betrifft, ist die Sachlage klar: Kristoffersen ist bei Red Bull willkommen. „Henrik will alle seine Möglichkeiten nützen. Er will nichts unversucht lassen. Und er weiß, dass die Bedingungen bei uns passen und wir ihm mit unserem Wissen helfen können“, erklärt Athletenbetreuer Robert Trenkwalder. Der Tiroler ist seit Jahren mit Kristoffersen und dessen Vater in Kontakt. Das Interesse sei da, ein konkretes Angebot liege aber noch nicht vor. Erst wolle man die Entscheidung des Verbands abwarten. „Henrik war für viele in der Sache mit dem Sponsor der Buhmann“, ergänzt Trenkwalder. „Umso beeindruckender ist jetzt seine Leistung.“ Das soll sie auch bleiben – nur um welchen Preis?
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