Von Opfern zur Kämpferinnen: Sacharow-Preis für Yezidinnen
Sie waren im Irak in Gefangenschaft des IS, wurden vergewaltigt, entkamen und konnten nach Deutschland fliehen: Für ihr Engagement zugunsten von IS-Opfern haben zwei junge Yezidinnen den Sacharow-Preis für Menschenrechte des Europaparlaments erhalten.
Straßburg – Die beiden jungen Frauen verbinden eine furchtbare Geschichte und der Wille, nicht nur Opfer zu sein: Die Yezidinnen Nadia Mourad (23) und Lamija Haji Bashar (18) wurden am Dienstag für ihr Engagement zugunsten der Opfer islamistischer Kämpfer mit dem Sacharow-Preis für Menschenrechte des Europaparlaments ausgezeichnet.
Vor rund zwei Jahren lebten die beiden Frauen, die verwandt sind, noch im selben Dorf im Nordirak und gingen zur Schule. „Ich mochte Make-up und habe es an der jüngeren Lamija und ihrer Freundin ausprobiert“, erzählt Mourad. „Ich war einfach ein normales Mädchen. Ich wollte studieren, ein nettes Leben haben.“ „Wir waren glücklich. Wir wollten nie nach Europa kommen“, sagt Bashar.
Die Männer wurden getötet, die Frauen versklavt
Doch im August 2014 wurden die jungen Yezidinnen schlagartig aus ihrem gewohnten Leben gerissen: Ihr Heimatdorf wurde von der Terrormiliz IS (Daesh) überfallen. Die Männer wurden getötet, auch viele der älteren Frauen. Junge Frauen wurden verschleppt, wiederholt verkauft und von den IS-Kämpfern als Sexsklavinnen ausgebeutet. Die extremistischen Sunniten wollen die Yeziden im Irak auslöschen. Sie beschimpfen die Minderheit, die eine Ursprungsreligion der Kurden ist, als „Teufelsanbeter“.
Mourad gelang nach drei Monaten, im November 2014, die Flucht. Bashar entkam im Frühjahr 2016. Auf der Flucht trat sie auf eine Landmine, ihr Gesicht ist seitdem entstellt. Heute leben die beiden Frauen in Deutschland, in Baden-Württemberg haben sie Zuflucht gefunden.
Seitdem erheben die jungen Frauen ihre Stimme gegen die Versklavung ihrer Glaubensschwestern. Sie erzählen ihre Geschichte immer wieder, um auf das Leid der noch immer rund 3.200 yezidischen Frauen und Kinder in den Fängen der islamistischen Fanatiker aufmerksam zu machen. Mourad reist als Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen für Opfer des Menschenhandels um die Welt. „Wir können kein neues Leben beginnen, bevor der IS nicht für seine Taten zur Verantwortung gezogen worden ist“, erklärt sie. „Ich bitte Sie, uns zu versprechen, dass (...) Sie so etwas nie wieder zulassen werden“, appelliert Bashar bei der Verleihung in Straßburg an die europäische Gemeinschaft. „Diese Kriminellen müssen strafrechtlich verfolgt werden.“
Schulz würdigt „Heldinnen“
EU-Parlamentspräsident Martin Schulz sagt die Unterstützung seines Hauses zu. „Der Internationale Strafgerichtshof muss die Verbrechen durch den sogenannten Islamischen Staat begangenen Verbrechen untersuchen.“ Nadia Mourad und Lamija Haji Bashar seien „Heldinnen, die unbeschreibliche Gräueltaten erlitten haben“, sagt Schulz weiter. Nun kämpften sie aufopferungsvoll gegen Menschenhandel und für die Rechte der Yeziden.
„Das Schicksal dieser beiden Frauen erinnert uns an unsere Pflicht“, mahnt der Parlamentspräsident. Nach dem Holocaust hätten sich die Europäer „nie wieder“ geschworen. „Und nun sehen wir, wie ganze Völker, Regionen, Städte, Dörfer von der Landkarte verschwinden.“ Kinder würden verschleppt, Frauen versklavt. „Dennoch weigern wir uns manchmal, diesen Menschen Schutz zu gewähren.“ (TT.com, AFP/dpa)
Der Sacharow-Preis
Der nach dem verstorbenen russischen Dissidenten und Physiker Andrej Sacharow benannte und mit 50.000 Euro dotierte Preis wird vom Europaparlament seit 1988 an Persönlichkeiten oder Organisationen verliehen, die sich für Menschenrechte und Demokratie einsetzen. Im vergangenen Jahr hatte der zu Haft und Peitschenhieben verurteilte saudi-arabische Blogger Raif Badawi die Auszeichnung erhalten.
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