Franco Fagioli: „Wusste nicht, dass es Stimmfach Countertenor gibt!“
Wien (APA) - Der weltbeste Countertenor - eine Bezeichnung, mit der Franco Fagioli mittlerweile gut zu leben gelernt hat. Am Freitag (16. De...
Wien (APA) - Der weltbeste Countertenor - eine Bezeichnung, mit der Franco Fagioli mittlerweile gut zu leben gelernt hat. Am Freitag (16. Dezember) kommt der Argentinier mit Pergolesis „Adriano in Siria“ konzertant ins Theater an der Wien. Die APA sprach mit dem 35-Jährigen aus gegebenem Anlass über die Herbheit der Kastratenstimme, seine Entdeckung des eigenen Stimmfachs und seine Freude an Komplimenten.
APA: Wie alt waren Sie, als Sie realisiert haben, dass Ihr Stimmfach der des Countertenors sein wird?
Franco Fagioli: Da war ich 15 Jahre alt. Ich habe schon seit meiner Kindheit in Chören und dort auch als Solist gesungen. Dann kam zwar der Stimmbruch, ich habe es aber immer noch sehr einfach gefunden, die hohen Töne zu singen. Und so habe ich einfach ein bisschen mit der Stimme gespielt und Soprane oder Mezzos imitiert. Ich habe nicht gewusst, dass es das Stimmfach des Countertenors gibt! Ich dachte halt, dass ich Tenor werden würde. Als ich mich dann aber auf ein „Stabat Mater“ von Pergolesi vorbereitet habe, kaufte ich eine CD. Und da habe ich eine Stimme gehört, die für mich herausgestochen ist. Ich dachte mir noch: „Eine eigenartige Frauenstimme“, bis ich festgestellt habe, dass das ein Mann war! Da habe ich das erste Mal realisiert, dass das, was ich als Spiel betrieben habe, tatsächlich ein existierendes Stimmfach ist! An dem Punkt war mir klar: Ich will Counter werden!
APA: Wie sehen Sie heute die Position des Countertenors? Die einstige Einstufung als Exot ist Geschichte?
Fagioli: Es hängt vor allem vom Sänger selbst ab. Die Technik hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel weiter entwickelt. Heutzutage gibt es viele großartige Counter, die eine große Bandbreite abdecken. Es gab die Pioniere, die damals etwas als eigenartige Ausnahmeerscheinungen aufgenommen wurden. Das hing aber auch von der Art des Singens ab. Heute hat man die ganze Farbe der menschlichen Stimme auch bei den Countertenören.
APA: Sie selbst werden mittlerweile standardmäßig als Bester Ihrer Zunft bezeichnet. Ist das eher Druck oder Freude?
Fagioli: Ich habe mich auch dafür entschieden, Countertenor zu werden, um etwas zu schaffen, das noch nicht existiert. Vielleicht habe ich mir da auch zu viele Gedanken gemacht, aber das war mein Ziel. Ich hatte das Gefühl: Ich habe etwas zu sagen. Dass mir heute die Kritiker derartige Komplimente machen, ist kein Druck - das ist hochwillkommen (lacht).
APA: Eine Ihrer heurigen CD-Veröffentlichung ist ein Projekt mit Rossini-Arien. Verliert die Barockwelt Sie an den Belcanto?
Fagioli: Meine Annäherung an den Gesang ist immer schon über den Belcanto erfolgt. Und Rossini war von meinen Anfangstagen an immer nahe bei mir. Natürlich würde ich das auch gerne öfters auf der Bühne machen - mir ist aber klar, dass die Opernhäuser nun nicht anfangen werden, für Rossini Counter zu suchen. Das wäre ja auch gar nicht möglich. Ich selbst werde aber in jedem Falle der italienischen Oper verbunden bleiben. Zur deutschen Oper wird es mich wohl nie ziehen - alles hat seinen Platz im Leben.
APA: Ein weiteres CD-Projekt, das Sie nun auch in Wien vorstellen, ist Giovanni Battista Pergolesis „Adriano in Siria“. Weshalb ist diese Oper selbst unter Kennern praktisch unbekannt?
Fagioli: Das ist vielleicht das schwierigste Stück, das ich je gesungen habe - voller barocker Pracht, aber eine echte Herausforderung. Ich habe erst beim Lernen meiner Rolle verstanden, wie anstrengend und schwierig diese Partien zu singen sind! Meine Rolle des Farnaspe ist für den berühmten Kastraten Caffarelli geschrieben worden. Das verlangt unheimlich viel von einem heutigen Sänger. Deshalb benötigt man ein sehr gutes Ensemble für diese Oper - und das findet man nicht so leicht.
APA: Wie die damaligen Kastraten wirklich geklungen haben, wissen wir heutzutage ja nicht mehr. Ist der Versuch einer stimmlichen Rekonstruktion für Sie dennoch ein Ziel?
Fagioli: Wir müssen uns da auf die Kritiker der Zeit verlassen, die von großen, strahlenden Stimmen sprechen, die aber nicht die Geschmeidigkeit von Frauenstimmen haben. Von Stimmen, die sehr agil und breit aufgestellt sind, aber auch etwas herb klingen, etwas rau. Das Phänomen der Kastraten beruhte also nicht nur auf der reinen Schönheit der Stimme, sondern auch der Tragik, die ihnen zugefügt wurde. Und ich klinge dagegen heute halt wie ich klinge.
(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E - http://go.apa.at/vAkuYD0j)
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