Schwere Gefechte und Luftangriffe in Aleppo - Assad droht

Damaskus/Aleppo/Teheran (APA/dpa/Reuters/AFP) - Die syrische Regierung will auch nach der Rückeroberung Aleppos mit militärischer Härte gege...

Damaskus/Aleppo/Teheran (APA/dpa/Reuters/AFP) - Die syrische Regierung will auch nach der Rückeroberung Aleppos mit militärischer Härte gegen ihre Gegner vorgehen. „Von einer Feuerpause kann keine Rede sein“, sagte Präsident Bashar al-Assad dem russischen Staatsfernsehen in einem am Mittwoch ausgestrahlten Interview. Mit Milde könnten nur „Terroristen“ rechnen, die sich ergeben oder den Kampfort verlassen.

Zuvor waren eine Waffenruhe und der Abzug der Rebellen aus der umkämpften nordsyrischen Stadt Aleppo gescheitert. Syrische Regierungstruppen und Rebellen lieferten sich dort nach Angaben von Beobachtern und Aktivisten erneut heftige Gefechte.

Die Kämpfe gingen weiter, bis „das ganze Land von Terroristen gesäubert“ sei, sagte Assad. Als Beispiel nannte er die Rückeroberung der Oasenstadt Palmyra. Gemeinsam mit den Verbündeten Russland und Iran wolle die syrische Führung die weiteren Pläne erörtern. Zunächst müsse jedoch Aleppo gesichert werden. „Die Terroristen feuern täglich Raketen und Granaten ab“, sagte er.

In einem Nachkriegssyrien sehe er außer Russland und dem Iran auch China als Partner, betonte Assad. Sollte es der designierte US-Präsident Donald Trump mit dem Kampf gegen Terrorismus ernst meinen, könne auch er ein „natürlicher Verbündeter“ Syriens werden. Doch seien alle syrischen Gruppen, die die USA derzeit als gemäßigte Opposition bezeichnen, „Terroristen und Extremisten“.

Aktivisten und Bewohner in den verbliebenen Rebellengebieten Aleppos sendeten am Mittwoch erneut SOS-Rufe in sozialen Netzwerken. „Die Verletzten und Toten liegen auf dem Boden“, schrieb ein Bewohner in einer Nachricht. „Die Gebäude, in denen sich die Menschen verstecken, werden über ihren Köpfen zerstört. Helft uns!“

In der Nacht waren die Kämpfe um Aleppo zunächst abgeflaut, nachdem sich die Rebellen mit der syrischen Führung auf einen Abzug aus dem Osten der Stadt geeinigt hatten. Die syrische Regierung beorderte inzwischen aber alle Busse, die zur Evakuierung bereitgestellt worden waren, wieder zurück.

Eigentlich sollte schon vor Tagesanbruch damit begonnen werden, Kämpfer und Zivilisten aus dem völlig zerstörten Ost-Aleppo in Sicherheit zu bringen. Viele Menschen standen mit gepackten Taschen im strömenden Regen bereit. Sie fürchten nach monatelangem Bombardement Plünderungen und Gewalt syrischer Truppen. Zudem ist die medizinische Versorgung weitgehend zusammengebrochen, und es gibt nicht genügend Lebensmittel und Trinkwasser.

Zehntausende Menschen werden noch in den umkämpften Stadtteilen vermutet. Die UN beschrieben die Lage als „kompletten Zusammenbruch der Menschlichkeit“. In Paris sollte als Zeichen der Solidarität mit den Menschen in Aleppo am Abend die Beleuchtung des Eiffelturms ausgeschaltet werden.

Die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete, dass regierungstreue Truppen die verbliebenen Rebellengebiete in Aleppo unter schweren Beschuss genommen hätten. Zudem flogen auch Kampfflugzeuge wieder Luftangriffe, wie es heißt. Rebellen feuerten den Angaben zufolge Granaten auf die vom Regime kontrollierten Gebiete im Westen der Stadt und töteten mindestens acht Menschen. Die „Beobachtungsstelle“ stützt sich auf ein Netz von Informanten im Kriegsgebiet, ihre Angaben sind jedoch von unabhängiger Seite kaum überprüfbar.

Die russische Nachrichtenagentur Tass berichtete unter Verweis auf das russische Verteidigungsministerium, dass Rebellen versucht hätten, die Belagerung der syrischen Truppen zu durchbrechen. Als die Busse zum Abtransport der Kämpfer und Zivilisten am vereinbarten Punkt am Übergang zu den Rebellengebieten angekommen seien, hätten die Aufständischen das Feuer eröffnet, meldete Tass.

„Die Verzögerungen beim Abzug der Aufständischen, ihrer Familien und anderer Zivilisten gehen auf Unstimmigkeiten zwischen den Anführern der Rebellen zurück“, hieß es aus Regierungskreisen. Die Opposition warf dagegen den Regierungstruppen und ihren Verbündeteten vor, mit den Kämpfen begonnen zu haben.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow sagte, er hoffe, dass die Lage in Ost-Aleppo in zwei bis drei Tagen endgültig gelöst werde. Aus russischen Militärkreisen hieß es, die syrischen Regierungstruppen hätten ihre Militäroperation in der Stadt wieder aufgenommen, um die Rebellengebiete einzunehmen.

Farez al-Shehabi, ein Abgeordneter des syrischen Parlaments, rief zur Exekution aller verbliebenen „Militanten“ in Aleppo auf. „Die Rebellen haben die Abmachung gebrochen“, sagte er der dpa. „Wir hoffen, dass wir sie (die Rebellen) jetzt endgültig liquidieren können.“

Die Schweizer Juristin Carla Del Ponte verlangte ein Sondertribunal für Kriegsverbrecher. Nach mehr als fünf Jahren Krieg in Syrien sei die „Zahl der Verbrechen so groß“, dass ein Sondergericht wie im Falle Jugoslawiens nötig sei, sagte die frühere Chefanklägerin der Tribunale für Jugoslawien und Ruanda der Wochenzeitung „Die Zeit“. Del Ponte ist auch Mitglied der Unabhängigen Internationalen UN-Untersuchungskommission für Syrien.

Die syrische Armee hatte zusammen mit ihren Verbündeten vor einem Monat eine Offensive auf die Rebellengebiete in Ost-Aleppo begonnen. Die frühere Handelsmetropole war jahrelang zwischen Regime und Rebellen geteilt und gilt heute als Symbol für den Krieg.

Der Iran hat der syrischen Regierung zur weitgehenden Eroberung des Ostteils von Aleppo gratuliert. Verteidigungsminister Hussein Dehghan telefonierte am Mittwoch mit seinem syrischen Kollegen Fahd Jssem al-Freij, um ihm zu den „Siegen der syrischen Armee und der Widerstandskräfte bei der Befreiung der Stadt Aleppo aus den Händen takfirischer Terroristen“ zu gratulieren.

Der Begriff „Takfiri“ wird im mehrheitlich schiitischen Iran für sunnitische Extremistengruppen wie Al-Kaida oder die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) benutzt. Der Iran ist ein enger Verbündeter Assads.

~ WEB http://www.un.org/en/ ~ APA544 2016-12-14/19:47