Claus Peymann

„Mord und Totschlag“: Ein Kilogramm Theaterleben

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Ein Theater-Zauberer blickt zurück: Claus Peymann gibt mit dem Buch „Mord und Totschlag“ Auskunft über sich, sein Denken, Arbeiten und Streiten.

Von Bernadette Lietzow

Wien – Am Ende gab es glitzernden Konfettiregen, der unter heftigen Ovationen vom Schnürboden des Burgtheaters hinab auf dessen ehemaligen Direktor Claus Peymann fiel. Gefeiert wurde am vergangenen Mittwoch nicht etwa die Aussicht auf eine neuerliche Burg-Runde des bald 80-Jährigen – auch wenn er sich in Interviews schon zu äußerst humorigen Bemerkungen dazu hinreißen ließ –, sondern ein ganzes Theaterleben zwischen zwei Buchdeckeln. „Mord und Totschlag. Theater-Leben“ nennt sich das üppige, über 500 Seiten starke Werk, das Jutta Ferbers, Miriam Lüttgemann, Anke Geidel und Sören Schulz, allesamt Mitstreiter am Berliner Ensemble, dessen Direktorensessel Peymann 2017 nach 18 Jahren aufgeben wird, mit großer Akribie und Hingabe zusammengestellt haben.

Zu Beginn macht man die Bekanntschaft mit Claus, als er noch Klaus war und heulend die Darstellung des siebten Zwerges im Weihnachtsmärchen verpatzte. Über die ersten Gehversuche als Regisseur einer Hamburger Studentenbühne bis hin zu den Stationen an den großen Theatern von Stuttgart über Bochum nach Wien und Berlin, von Triumphen bis zu Konfrontationen mit der Politik oder Künstlern, kann der Leser einen Menschen begleiten, dessen „Leben Theater ist“ und somit eine „permanente Theatralisierung“, wie Hermann Beil, seit den frühen 1970er-Jahren als Dramaturg an Peymanns Seite, im Vorwort schreibt.

Beil, dessen Nibelungentreue zum ebenso launigen wie launischen „Sonntagskind“ (Peymann über sich selbst) in Thomas Bernhards Dramolett „Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulz­wiese“ literarischen Niederschlag gefunden hat, verstärkte dann auch gemeinsam mit Dramaturgin und Peymann-Lebensgefährtin Jutta Ferbers die szenische Buchpräsentation, als deren Mittelpunkt Peymann sehr aufgeräumt den „Zirkusdirektor“ gab, den „die Leute vielleicht lieben, aber nicht ernst nehmen“, wie es in Buch einma­l heißt. Spannend zu lesen sind die zwischen die Lebensstationen geschobenen Exkurse, zu Thomas Bernhard, Peter Handke, Uraufführungen oder zu Wegbegleitern. Angereichert mit Interviews, zum Teil berührenden oder ironischen Briefen, Bildern von Inszenierungen und Notizen wird so Wirkung und Bedeutung des Mediums Theater greifbar. Nicht zu kurz kommen dürfen in dieser aus vielen Einzelteilen und Fotos zusammengepuzzelten Lebenserzählung die zahlreichen (Kunst-)Skandale, die die Karriere des streitbaren und streitlustigen Claus Peymann begleiteten. Die Uraufführung von Handkes „Publikumsbeschimpfung“ 1966 im Frankfurter TAT geriet zur Erregung, bevor ihr attestiert wurde, den „Sound einer Generation kreiert“ zu haben. Seine Geldspende für die Zahnbehandlung der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin kostete ihn im baden-württembergischen Reich des strammen Ministerpräsidenten Filbinger den Job am Staatstheater Stuttgart. Wüst, und in der im Buch breiten Raum einnehmenden Zusammenschau heute noch bedrückend (rechts-)radikal und beschämend war das Kesseltreiben gegen Peymann und die „deutschen“ Schauspieler (Gert Voss, Kirsten Dene etc.), die er mit Antritt seiner Wiener Direktion 1986 mitbrachte.

Ein Misthaufen vor dem Burgtheater und eine beispiellose Medienkampagne schließlich flankierten 1988 die Uraufführung von Thomas Bernhards „Heldenplatz“. Wahrscheinlich ist es das robuste Gemüt, das Claus Peymann, der alle seine Häuser überaus erfolgreich geführt hat und führt, durch die oft genug stürmischen Wogen seines Theater-Lebens getragen hat. Ein Lebens-Bericht, nicht nur für Theaterbegeisterte.

Erinnerungen Claus Peymann/Jutta Ferbers: Mord und Totschlag. Theater-Leben. Alexander Verlag. 536 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 26,80 Euro.