„Die Kehrseite der Medaille“: Selbstgespräche und Selbstzweifel
Wien (APA) - Alles hat zwei Seiten - nicht nur Medaillen, sondern auch das Beziehungsleben. Dieser Erkenntnis muss sich Daniel, Protagonist ...
Wien (APA) - Alles hat zwei Seiten - nicht nur Medaillen, sondern auch das Beziehungsleben. Dieser Erkenntnis muss sich Daniel, Protagonist in Florian Zellers neuem Stück „Die Kehrseite der Medaille“, stellen. Beziehungsweise muss dies das Publikum tun, mit dem sich die Charaktere durch Beiseitesprechen verbünden. Die Zuschauer in den Wiener Kammerspielen revanchierten sich am Donnerstag mit langem Applaus.
Dieser galt nicht zuletzt Regisseurin Alexandra Liedtke, die bereits im Februar an den Kammerspielen mit „Vater“ das Erfolgsstück des jungen französischen Dramatikers Zeller inszeniert hatte. Stand damals die bröckelnde Welt eines Alzheimerkranken im Fokus, ist „Die Kehrseite der Medaille“ eher gehobener Boulevard in der Tradition einer Yasmina Reza, allerdings ohne deren zynischen Humor.
Daniel (Michael Dangl) und Isabelle (Sona MacDonald) sehen sich vor dem Problem, dass ihr gemeinsamer Freund Patrick (Marcus Bluhm) zum Essen kommen wird. Schließlich hat der die neue, bedeutend jüngere Lebensgefährtin Emma (Alma Hasun) im Schlepptau, für die er nach 20 Jahren seine Ehefrau verlassen hat, mit der man ebenfalls befreundet ist. Doch anfängliche Ablehnung hin und her - als die aufreizende Emma erscheint, beginnt Daniel die Entscheidung seines Freundes langsam nachzuvollziehen...
Liedtke setzt für diese Paaraufstellung bereits mit den ersten Takten des Abends den Rahmen, führt sie die Welt von Daniel und Isabelle doch mit Jazzklängen im New Orleans Style ein - dem typischen Setting für Woody Allens Beziehungskomödien. Und so sind wir auch bei Zeller in der Welt der intellektuellen Oberschichtpaare, die an der Uni unterrichten und Verlage leiten. Man liest „Le Monde“, lebt im stylishen Designerambiente und liebt teure Rotweine.
Im Vergleich zu Allens Dialogkreuzfeuern benötigt Zellers Geplänkel allerdings zunächst etwas, bis die Dynamik greift und sich die Akteure die Bälle zuspielen. Verantwortlich hierfür ist nicht zuletzt das zentrale Charakteristikum des Stücks wie der Inszenierung: das ostentative A-parte-Sprechen ins Publikum. Die restlichen Figuren erfrieren, während die Protagonisten ihre Gedanken ausformulieren oder teils in direkten Dialog mit den Zuschauern treten.
Dieser Ansatz entwickelt sich vom anfänglichen dramaturgischen Kniff im Fortgang des Abends allerdings zum Problem. Vieles, was sonst unausgesprochen bleibt, der Intelligenz und Imagination der Zuschauer überlassen wird, wird hier ausformuliert und dadurch eindimensionaler als wenn man es bei der Offenheit der Situation belassen hätte.
Auf diese Weise gleitet der grundsätzlich vorhandene Charme der Paardynamik immer wieder ab in Mann/Frau-Klischees, wird allzu plakativ. Zudem fokussiert das Stück immer mehr auf Daniel, degradiert die drei anderen Charaktere zu Stichwortgebern und ihn zum Wiedergänger von Richard Sherman, der männlichen, unter Hormondruck stehenden Hauptfigur aus dem Filmklassiker „Das verflixte 7. Jahr“ - eine Charakterseite, die Ensembleveteran Michael Dangl perfekt ausspielt. Und so bleibt am Ende des Abends der zentrale Eindruck, dass auch „Die Kehrseite der Medaille“ nicht allzu dunkel ist.
(S E R V I C E - „Die Kehrseite der Medaille“ von Florian Zeller in den Kammerspielen, Rotenturmstraße 20, 1010 Wien. Regie: Alexandra Liedtke, Bühnenbild: Volker Hintermeier, Kostüme: Su Bühler. Mit: Michael Dangl - Daniel, Sona MacDonald - Isabelle, Marcus Bluhm - Patrick und Alma Hasun - Emma. Weitere Aufführungen am 16., 21. und 22. Dezember, am 2., 3., 12., 13., 23. und 24. Jänner, am 13., 14., 18., 19., 25. und 26. Februar, am 4., 5., 10. bis 12., 18. und 19. März, am 10., 11., 20., 21., 24. und 25. April sowie am 12. bis 15. Mai. http://go.apa.at/mJQHagvl)
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