Fotografie

Bilder aus Aleppo: Eine Realität, die keine Farben kennt

© Emad Husso

Der aus Aleppo geflüchtete Journalist Emad Husso hat berührende Schwarz-Weiß-Bilder aus „der Stadt des Todes“ mitgebracht.

Von Silvana Resch

Innsbruck –Was in Aleppo geschieht, macht sprachlos. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit vollzieht sich eine unvorstellbare Tragödie, Massaker gegen Zivilisten werden verübt, Männer, Frauen, selbst Kinder posteten in den vergangenen Tagen verzweifelte Videobotschaften. „Mehr als 50.000 Zivilisten, die sich gegen den Diktator Assad aufgelehnt haben, sind von Bomben und Hinrichtungen bedroht“, berichtete eine der Eingeschlossenen in der Nacht auf Dienstag. „Rettet Aleppo, rettet die Menschlichkeit“, flehte die junge Frau via Twitter.

„Ich habe seit zwei Wochen nicht mehr geschlafen“, sagt Emad Husso am Donnerstag in einem Innsbrucker Kaffeehaus. Der Journalist ist aus Aleppo geflüchtet, seit einem Jahr wartet er in Innsbruck auf seinen Asylbescheid. „Ich bin ein Überlebender“, sagt er. „Freunde schreiben mir SMS: ,Ich werde sterben. Ich lasse mich nicht verhaften!‘ Das sind Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, mit denen ich gelacht und geweint habe.“

Aleppo, seine Geburtsstadt, einst das kommerzielle und wirtschaftliche Zentrum des Landes, liegt in Schutt und Asche.

"Der Tod wurde Teil des Lebens, jede Sekunde konnte man jemanden verlieren.": Emad Husso
© Husso

Als die Stadt, die niemals schläft, sei die Metropole einst bekannt gewesen. Um vier Uhr morgens habe man am Markt einkaufen können, erzählt der 30-Jährige und schwärmt vom Geruch der Falafel, dem Lärm der spielenden Kinder, den freitäglichen Barbecues in den Parks. Mit seinen engen Basar-Gassen, einer Altstadt, die 1986 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt wurde, den vielen Kirchen und Moscheen war die Zwei-Millionen-Stadt auch ein beliebtes Touristenziel.

Früher habe man dort keine Hunde gesehen, sagt der Journalist. Heute würden Rudel umherstreichen, „sie riechen das Blut und das Fleisch der Toten“. Die meisten Einwohner seien geflohen, die Armen mussten bleiben. Manche wollten ihre Häuser nicht aufgeben, andere hätten an die Revolution geglaubt, an die Zivilgesellschaft, an den Frieden. „Die Menschen wollten einfach nur Freiheit.“

2012 ist der Krieg in die Stadt gekommen, heftige Kämpfe, Raketenwerfer, Hubschrauber und Kampfflugzeuge zählen seitdem zum Alltag. „Der Tod ist Teil des täglichen Lebens geworden, jede Sekunde konnte man jemanden verlieren.“ Er habe begonnen zu fotografieren, Schwarz-Weiß-Bilder von alten Menschen gemacht, die, auf Schutthaufen sitzend, betteln, von zerlumpten Kindern, die in die Kamera blicken. Farbe würde nur die Realität verfremden, sagt er. Es sind berührende Dokumente vom Leben und Überleben inmitten eines verworrenen Bürgerkrieges, „400.000 Häuser in Aleppo wurden beschädigt oder zerstört“. Husso hat auch den Widerstandsgeist der Menschen in dem unter Dauerbeschuss stehenden Ostteil der Stadt festgehalten. Die gesamte Infrastruktur, von der Müllentsorgung bis zu den Krankenhäusern, musste neu organisiert werden, er selbst engagierte sich als Lehrer und arbeitete als Koordinator für verschiedene Hilfsorganisationen. Auf seinen Bildern sieht man, wie Menschen mit schwerem Gerät Brunnen graben – auch die Wasserversorgung in Ost-Aleppo wurde vom Regime gekappt. Ab 16. Februar werden die Fotos unter dem Titel „Aufwachsen – Notlanden – Ankommen – Dazugehören“ in der Bäckerei Innsbruck zu sehen sein, die von der TKI geförderte Wanderausstellung der Initiative Minderheiten soll auch in Kufstein, Telfs und St. Johann Station machen.

Als Fass- und Streubomben auf Aleppo abgeworfen wurden, hat Husso seine Frau und die beiden kleinen Kinder gepackt. „Sie sind in der Türkei, in Sicherheit – gewissermaßen.“ Auch auf der Flucht, in den Lagern an der syrisch-türkischen Grenze, hat er fotografiert. In Innsbruck arbeitet der Syrer seit einigen Monaten ehrenamtlich bei Radio Freirad. Mit der wöchentlichen Radiosendung „Voice of Peace“ will er gemeinsam mit Kollegen aus anderen Ländern einen Beitrag zur Integration leisten. Zurück in seine Heimat kann er nicht. „Ich würde sofort verhaftet werden, ich habe in meinen Artikeln Kritik am Regime geübt.“ Aleppo sei die Stadt des Todes, die Menschlichkeit liege dort begraben.