Für die eigene Zukunft blind
Im packenden Historien-Musical „Nostradamus“ zeigt das Tiroler Landestheater den Menschen Nostradamus als getriebene Kreatur und Spielball der Mächte.
Von Markus Hauser
Innsbruck – Das Wunder der ca. 1000 prophetischen Vierzeiler, die den französischen Apotheker, Arzt und Astrologen Nostradamus (Michel de Notredame 1503–1566) schon zu Lebzeiten berühmt machten, läge nicht in den Versen selbst, sondern in der Auslegekunst seiner Erklärer, meinen so manche Wissenschafter und Philosophen. Auf Basis der Prophezeiungen wurden schon Weltuntergänge vorhergesagt und es bedarf wahrlich keiner seherischen Kräfte, für jedes Jahr Kriege zu prophezeien. Interpretationen im Nachhinein scheinen da definitiv treffsicherer.
So wäre es möglich, einen seiner Verse so zu deuten: „Im Jahre 2000 wird ein gewisser Roger E. Boggasch, Operndirektor des Tiroler Landestheaters, mit seinem über meine Person geschaffenen Historien-Musical ,Nostradamus‘, dessen Text aus der Feder seines langjährigen Weggefährten Johannes Reitmeier stammt, eine umjubelte Uraufführung erleben.“ Für das Jahr 2016 könnte eine Deutung dann so lauten: „In Erinnerung an den 2015 verstorbenen Roger E. Boggasch wird Johannes Reitmeier, seines Zeichens Operndirektor des Tiroler Landestheaters, eine von Jürgen Tauber orchestrierte Neufassung des Rock-Musicals als umjubelte österreichische Erstaufführung inszenieren.“ In der Tiroler Tageszeitung wird man zwei Tage später lesen: Dank glücklichster Sternenkonstellation ist es Theatermagie pur, die das Publikum im Großen Haus erleben darf. Der „Musikstern“ allein hat schon alle Kräfte, die ein gutes Musical ausmachen. Den mittelalterlichen Klangkosmos ausleuchtend und in zeitgemäße rockige, popballadeske Titel transferiert, mal sinfonisch, mal bandmäßig transportiert, ist es eine Musik zum Mitfühlen und Mitleiden. Im Tempo einer Zeitreise findet man sich in einer dunklen Epoche der Geschichte wieder. Mit eindringlich prägnanten Sätzen skizziert Reitmeier das abenteuerliche Leben des Arztes und Sehers. Er versteht es, das Leben des Nostradamus und all der anderen Protagonisten in szenisch maßgeschneiderte Momente zu verwandeln und mit Verve durch die Geschichte zu führen. Der Inhalt ist schnell erzählt, geht es Reitmeier doch in erster Linie um menschliche Qualitäten.
Im Jahre 1537 wütet die Pest in der südfranzösischen Stadt Agen. Nostradamus’ erste Frau und seine beiden Kinder sterben an der schwarzen Seuche. Der junge Arzt erregt mit seinen Heilkräften und Prophezeiungen den Argwohn der Kirche. Michel wird verhaftet und der Ketzerei und Hexerei bezichtigt. Das überraschende Eingreifen der Königin Katharina di Medici rettet ihn vor dem Tod. Am Hof in Paris bringt man ihm Misstrauen entgegen, denn er sagt den Tod des Königs voraus. Diffamiert, exkommuniziert, in Lethargie verfallen stirbt der Seher.
Womit wir wieder bei den Sternen wären, konkret bei den vokalen. Mit Uwe Kröger leuchtet ein glänzender Musicalstern am Theaterfirmament. Er hat das Format, theatralisch den Nostradamus mit allen Facetten des Menschlichen auszustatten, von der souveränen Erscheinung bis hin zur vom Wahnsinn befallenen, kläglichen Kreatur. Intonationsmäßig verlässt er allerdings allzu oft die vorgeschriebene Laufbahn.
Nicht weil sie im Licht von Uwe Kröger stehen, sondern aus eigener Energie heraus, mit ungemeiner Bühnenpräsenz, wahre Charaktere verkörpernd und stimmlich exzellent leuchten die Sterne eines Daniel Raschinsky (Heinrich II), Astrid Vosberg (Katharina di Medici), Adrienn Cunka (erste und zweite Ehefrau des Nostradamus), Johannes Wimmer (Inquisitor), Dale Albright (Jules Scaliger), Renate Frankhauser (Favoritin des Königs) und Susann Hagel (Kammerfrau). Die drei durchtriebenen Mönche Michael Gann, William Tyler Clark und Jannis Dervenis komplettieren das leuchtende vokale Gestirn. Bühne und Kostüme von Michael D. Zimmermann, welch opulente Pracht. Einem vorweihnachtlichen Kometen gleich verweisen sie auf ein großes Ereignis. Mit den großartigen Lichteffekten von Ralph Kopp ist es Musiktheater im Format eines 4D-Theatererlebnisses. Dass all die Sterne zur rechten Zeit am rechten Ort besonders hell leuchten, die perfekte Choreografie von Enrique Gasa Valga macht es möglich. Die vielen Sterne des Symphonieorchesters Innsbruck, des von Michel Roberge bestens einstudierten Chors und Extrachors funkeln am Firmament und sorgen für eine prachtvolle Musicalerscheinung.
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