Teherans langer Arm - Iran stellt Bedingungen für Evakuierung Aleppos

Aleppo (APA/dpa) - Auch am Freitagmorgen versammeln sich wieder Tausende Menschen auf den Straßen der Rebellengebiete Aleppos. Mit gepackten...

Aleppo (APA/dpa) - Auch am Freitagmorgen versammeln sich wieder Tausende Menschen auf den Straßen der Rebellengebiete Aleppos. Mit gepackten Koffern sitzen sie vor den Trümmern, die die monatelangen Luftangriffe zurückgelassen haben. Die ganze Nacht über brachten Busse Kämpfer und Zivilisten aus dem Osten Aleppos in das Umland der Stadt, das von der bewaffneten Opposition kontrolliert wird.

Einige schicken über das Internet noch letzte Abschiedsgrüße. „Unglücklicherweise werde ich meine Heimat verlassen“, sagt ein junger Mann, der Mohammed heißt, mit trauriger Stimme. „Ich lasse ein Stück meines Herzens hier. Ich werde ein Vertriebener sein.“

Doch kurz nach Sonnenaufgang stockt die Evakuierung auf einmal. Es gebe nicht genug Busse, Tausende müssten warten, meldet ein Helfer verzweifelt. Schnell verbreitet sich die Frage: Ist der Transport gestoppt? Viele haben Angst vor neuer Gewalt. Dann sind Schüsse zu hören. Spätestens da dürfte den Menschen in Ost-Aleppo klar geworden sein: Die Evakuierung ist erst einmal ausgesetzt.

Seit Tagen wird um den Abzug der Kämpfer und Zivilisten gerungen, zieht sich die Aktion in die Länge. Schon Mitte der Woche sah es so aus, als sei ein von Russland und der Türkei vermitteltes Abkommen gescheitert, nachdem die Gewalt noch vor Beginn der Evakuierung wieder aufgeflammt war. Der Nervenkrieg zeigt deutlich, dass die Regierung in Damaskus mit Russland und dem schiitischen Iran zwar starke Verbündete hat, die jedoch in dem Konflikt unterschiedliche Interessen verfolgen.

In das von Russland und der Türkei vermittelte Abkommen über den Abzug aus Aleppo wurde Teheran nicht direkt mit einbezogen. Unter dem Papier fanden sich nur Unterschriften von Vertretern des syrischen Regimes, der Rebellen und Moskaus, nicht aber von einem iranischen Repräsentanten. Doch offenbar wollte sich die Regierung in Teheran nicht an die Seite drängen lassen.

Schon am Mittwoch hieß es aus syrischen Regierungskreisen, der Iran verlange im Gegenzug für den Abzug aus Aleppo das Ende der Blockade zweier Orte im Nordwesten Syriens, die als Regierungsenklaven inmitten von Rebellengebiet liegen. Rund 40.000 Menschen leben noch in Foua und Kafraya. Weil Oppositionsmilizen sie seit Monaten belagern, ist ihre Lage schwierig. 15.000 Menschen wollten die Orte verlassen, heißt es.

Wie in Aleppo setzten sich am Donnerstag auch dort Busse in Bewegung. Es habe ein Abkommen gegeben, dass die Fahrzeuge Zivilisten aus den Orten bringen, sagt Farez Shehabi, syrischer Parlamentsabgeordneter. Er wirft der Al-Kaida-nahen Miliz Jabhat Fatah-al-Sham-Front (früher: Al-Nusra) vor, die Busse nicht durchgelassen zu haben. Deswegen sei auch der Abzug aus Aleppo gestoppt worden, sagt Shehabi. Die Regierung in Damaskus dürfte keine Einwände gehabt haben.

Die Rebellen bestreiten die Vorwürfe. Aus ihren Kreisen heißt es, Foua und Kafraya seien nie Teil der Einigung gewesen: „Der Iran und das Regime waren von Anfang an gegen das Abkommen und haben versucht, es zu sabotieren.“ Demnach verlangte Teheran auch die Freilassung schiitischer Gefangener. Die iranischen Forderungen seien „näher an einer Wunschliste zu Weihnachten als an ernsthaften Verhandlungen“.

Doch Teheran ist eine mächtige Konfliktpartei. Ohne die militärische und finanzielle Hilfe aus dem Iran wäre das Regime in Damaskus schon vor langem zusammengebrochen. Die schiitische Regionalmacht finanziert mehrere ausländische Milizen, die an der Seite der nach fast sechs Jahren Bürgerkrieg ausgezehrten Armee kämpfen.

Für den Iran ist Syrien strategisch wichtig, weil das Land so seinen Einfluss bis zum Mittelmeer aufrechterhalten will. Im Libanon und im Irak ist Teheran schon seit langem eine maßgebliche Macht. Zudem kämpft der Iran in Syrien einen Stellvertreterkrieg gegen seinen sunnitischen Erzfeind Saudi-Arabien, der Rebellen unterstützt. Der Konflikt in Syrien ist schon längst ein Kräftemessen internationaler Rivalen geworden - den Preis dafür zahlen die Zivilisten in Aleppo.