Essstörungen: Hunger nach Selbstwert

Sabine ist esssüchtig, Monika leidet unter Ess-Brech-Sucht. Beide Frauen waren bereit, ihr Leben zu ändern und fanden Hilfe bei einer anonymen Selbsthilfegruppe.

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Essen spendet Menschen mit Essstörungen Trost. Ist der Teller leer, bleiben nicht nur Brösel zurück, sondern auch ein schlechtes Gefühl.
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Von Nicole Strozzi

Innsbruck –Mit 130 Kilo beschloss Sabine (Name geändert), dass es so nicht weitergehen kann. „Ich hätte ununterbrochen essen können, naschte zwischendurch, aß vor dem Fernseher. Es war eindeutig zu viel“, verrät die 59-Jährige Steirerin bei einem Treffen im Dachverband der Selbsthilfe Innsbruck.

Auf den ersten Blick wirkt Sabine glücklich, doch die wenigsten wissen, wie es in ihr aussieht. Dass Dicke immer lustig sind – „alles nur ein Klischee“, sagt sie. Ihre Kniegelenke schmerzten, das Selbstbewusstsein litt genauso wie die Psyche; Kleidung einzukaufen, war deprimierend. „Als Kind war ich noch ganz dünn, wurde aber immer stärker und wog mit 13 Jahren 90 Kilo“, erinnert sich Sabine. Die Hänseleien waren erniedrigend. Beim Turnen in der Schule wurde sie als fett bezeichnet. Trost brachte nur das Essen.

Trotz vieler Diäten nahm die Steirerin nicht ab. Schaffte sie es kurzfristig doch, hatte sie schon bald wieder das Dreifache zugenommen. Hilfe fand Sabine vor drei Jahren bei den „Overeaters Anonymous (OA)“, den anonymen Überessern, eine Selbsthilfegruppe für alle Menschen, die einen gestörten Umgang mit Nahrung haben.

„Ob übergewichtig oder untergewichtig, Mann oder Frau, Jung oder Alt. Das ist völlig egal. Wer glaubt, die Kontrolle über das Essverhalten verloren zu haben, ist willkommen“, erzählt Monika (Name geändert). Monika ist 68 Jahre, lebt ebenfalls in der Steiermark und kam mit 40 Jahren zu den OA. Monika ist schlank, hat eine schöne Figur. Was man nicht sieht: Schon ihr ganzes Leben lang kämpft sie mit ihren Dämonen. „Ich kenne beides, das Zuviel und das Zuwenig. Ich habe gefressen und alles wieder ausgekotzt. Der Gang auf die Waage hat mein Leben bestimmt“, findet Monika ehrliche Worte.

Als Kind war sie viel zu dünn und wurde zum Essen verdonnert, obwohl ihr „Hals wie zugeschnürt war“. Mit 15 aß sie mehr, dann hieß es seitens ihres strengen Vaters: „Du isst wie ein Schwein.“ „Ich stand vor dem Spiegel, fand mich plötzlich zu dick und glaubte, dieses Problem mit den Abführmitteln lösen zu können.“ Ein gesundes Essverhalten konnte sich nie entwickeln. Darm, Galle und Leber litten im Laufe der Jahre an den Folgen der Ess-Brech-Sucht.

Dass sie wirklich unter einer Sucht leidet, erkannte Monika erst bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker. Dorthin begleitete sie ihren alkoholkranken Ex-Mann, erkannte Parallelen und schloss sich den „Overeaters Anonymous“ an. Durch die Treffen hat sie es geschafft, mit der Krankheit zu leben. Sie erkannte, der Hunger nach Essen war nichts anderes als Hunger nach Selbstwert, Liebe und einem erfüllten Leben. Erstmals habe sie sich verstanden gefühlt.

Akzeptanz und die Bereitschaft, etwas zu tun, seien die einzigen Voraussetzungen, um am Programm der OA teilzunehmen. „Das Suchtteufelchen sitzt immer im Nacken und sagt: ‚Du weißt doch, wie es geht.‘ Doch in solchen Momenten habe ich gelernt, dagegenzuhalten. Etwa indem ich der Stimme sage: ‚Was ich morgen mache, weiß ich nicht, aber für heute entscheide ich mich, nicht zu essen oder zu brechen‘“, erklärt Monika. Rückfälle seien immer eine Bedrohung. Aber allein zu wissen, jederzeit jemanden anrufen zu können, hilft.

Sabine hat mittlerweile mehr als 30 Kilo abgenommen. „Bereits beim ersten Meeting hat es geklickt und ich bin abends nicht mehr zum Kühlschrank“, erzählt die 59-Jährige. Die beiden Frauen haben einen Weg gefunden. Sie wissen heute: „Wir sind in Ordnung, so wie wir sind.“


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